In einer wei­te­ren Ent­schei­dung setz­te sich das Bun­des­ge­richt mit der Legi­ti­ma­ti­on des Geschä­dig­ten zur Beschwer­de aus­ein­an­der (Urteil 1B_168/2009 vom 14. Okto­ber 2009) und hiess eine Beschwer­de der A-AG gut, die sich gegen die Ver­sa­gung der Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on in einem kan­to­na­len Ver­fah­ren wegen Auf­he­bung einer Kon­ten­sper­re rich­te­te.

Zum Sach­ver­halt: Auf­grund einer Straf­an­zei­ge der Beschwer­de­füh­re­rin führ­te die Staats­an­walt­schaft des Kan­tons ZG gegen C, ehe­ma­li­ger allei­ni­ger Ver­wal­tungs­rat der A-AG und nun­mehr allei­ni­ger Ver­wal­tungs­rat der B-AG, eine Straf­un­ter­su­chung u.a. wegen unge­treu­er Geschäfts­be­sor­gung (Art. 158 StGB). Auf Ersu­chen der Beschwer­de­füh­re­rin sperr­te die Staats­an­walt­schaft zwei Kon­ten der B-AG, gab jedoch auf deren Antrag hin eines der bei­den Kon­ten wie­der frei. Die A-AG erhob dage­gen Beschwer­de vor dem Ober­ge­richt des Kan­tons ZG, das dar­auf nicht ein­trat mit der Begrün­dung, ihr feh­le die Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on. Die A-AG habe als Pri­vat­klä­ge­rin kein Antrags­recht auf Anord­nung einer Kon­ten­sper­re, wes­halb ihr auch gegen die teil­wei­se Auf­he­bung der Sper­re kein Rechts­mit­tel zuste­he. Zudem sei sie auch nicht gestützt auf Art. 73 Abs. 1 StGB zur Beschwer­de legi­ti­miert, weil sie als Geschä­dig­te erst nach der Ein­zie­hung einen Rechts­an­spruch auf Zuspre­chung der beschlag­nahm­ten Ver­mö­gens­wer­te habe.

Das Bun­des­ge­richt gab der Beschwer­de­füh­re­rin recht. Anders als die­se sah es aller­dings in dem vor­in­stanz­li­chen Urteil kei­ne Ver­let­zung von Art. 49 Abs. 1 BV (Vor­rang und Ein­hal­tung des Bun­des­rechts), son­dern einen Ver­stoss gegen Art. 111 Abs. 1 BGG (Ein­heit des Ver­fah­rens):

2.2 […] Wer zur Beschwer­de an das Bun­des­ge­richt berech­tigt ist, muss sich gemäss Art. 111 Abs. 1 BGG am Ver­fah­ren vor allen kan­to­na­len Vor­in­stan­zen als Par­tei betei­li­gen kön­nen. Die kan­to­na­len Behör­den dür­fen des­halb die Rechts­mit­tel­be­fug­nis nicht enger fas­sen, als dies für die Beschwer­de an das Bun­des­ge­richt gilt (Urtei­le 1C_405/2008 vom 18. März 2009 E. 2.1; 2C_504/2008 vom 28. Janu­ar 2009 E. 5, mit Hin­wei­sen; Bot­schaft vom 28. Febru­ar 2001 zur Total­re­vi­si­on der Bun­des­rechts­pfle­ge, BBl 2001 4349). Die Vor­in­stanz hät­te dem­nach die Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on der Beschwer­de­füh­re­rin, wel­che nach dem Gesag­ten im bun­des­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren auch in der Sache gege­ben wäre, beja­hen müs­sen. Indem sie das nicht getan hat, hat sie Art. 111 Abs. 1 BGG und damit Bun­des­recht miss­ach­tet, das kan­to­na­lem Recht vor­geht. Die Beschwer­de ist inso­weit begrün­det.

Sie­he auch den letz­ten Blog­ein­trag zur bun­des­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung über die Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on des Geschä­dig­ten.

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.