Die Eigen­tü­me­rin von rund 30 Grund­stücken in einer Gemein­de im Kan­ton Wal­lis klag­te wegen Besit­zes­stö­rung u.a. gegen eine Flug­schu­le, die auf einer der Grund­stücke Starts und Lan­dun­gen mit Del­ta­seg­lern durch­führ­te. Im betref­fen­den Grund­stück war eine Sport- und Erho­lungs­zo­ne aus­ge­schie­den bzw. ein Del­ta- und Gleit­schirm-Lan­de­platz mit Hin­der­nis­frei­hal­te­flä­chen ein­ge­zeich­net. Die erste Instanz hiess die Kla­ge gut, die KGer VS wies sie ab. Gegen die­ses Urteil gelang­te die Eigen­tü­me­rin an das Bun­des­ge­richt.

Das Bun­des­ge­richt weist die Beschwer­de ab. Zu unter­schei­den war zunächst der Besitz als tat­säch­li­che Gewalt und das Recht an der Sache. Der sofor­ti­ge Nach­weis durch den Beklag­ten sei­nes bes­se­ren Rechts (ZGB 927 II) besteht nur bei der Besit­zes­ent­zie­hung, nicht bei der Besit­zes­stö­rung, so dass an und für sich das Recht an der Sache beim Besit­zes­schutz­ver­fah­ren wegen einer blo­ssen Stö­rung des Besit­zes unbe­rück­sich­tigt blie­be. Den­noch spielt die mate­ri­el­le Rechts­la­ge eine Rol­le, nament­lich zur “Abgren­zung des Besit­zes” und damit der Vor­aus­set­zung der Besit­zes­stö­rung “durch ver­bo­te­ne Eigen­macht” (ZGB 928 I), wie das BGer aus­führt.

Ver­bo­te­ne Eigen­macht liegt vor, wenn die Besit­zes­stö­rung weder durch den Besit­zer noch das objek­ti­ve Recht erlaubt ist. Im letz­te­ren Fall ist die Stö­rung zu dul­den, kann aber Ent­schä­di­gungs­fol­gen nach dem Ent­eig­nungs­recht nach sich zie­hen. Die Beschwer­de­geg­ner hat­ten hier gel­tend gemacht, die Benüt­zung der Grund­stücke im Peri­me­ter des Lan­de­plat­zes und der Hin­der­nis­frei­hal­te­flä­chen sei nicht ver­bo­ten, son­dern durch das öffent­li­che Recht erlaubt. Die ent­spre­chen­de Bestim­mung des Bau- und Zonen­re­gle­ments über die Sport- und Erho­lungs­zo­ne sah vor, dass in den als Start- und Lan­de­platz bezeich­ne­ten Flä­chen für Del­ta­glei­ter und Gleit­schir­me der Start bzw. die Lan­dung von Del­ta­glei­tern und Gleit­schir­men gestat­tet sei. 

Die­ser Ein­wand betraft nicht das Recht an der Sache und konn­te geprüft wer­den. Das BGer hielt dabei die Aus­le­gung des KGer für ver­tret­bar, wonach den Eigen­tü­mern durch das Regle­ment eine Dul­dungs­pflicht auf­er­legt und daher die Befug­nis ent­zo­gen wur­de, das Betre­ten des Grund­stücks durch Drit­te zum Zweck des Star­tens bzw. Lan­dens mit Hän­ge­glei­tern abzu­weh­ren. Auch die Auf­fas­sung, die Dul­dungs­pflicht beschrän­ke die Ver­fü­gungs- oder Nut­zungs­be­fug­nis­se im Inter­es­se der All­ge­mein­heit, war ver­tret­bar. Es lag daher kein Tat­be­stand der for­mel­len Ent­eig­nung vor, die sich durch den Ent­zug und die Über­tra­gung ver­mö­gens­wer­ter Rech­te auf eine ande­re Per­son aus­zeich­net, son­dern eine öffent­lich-recht­li­che Eigen­tums­be­schrän­kung. Die Abwehr­rech­te des Eigen­tü­mers kön­nen nur auf dem Weg der for­mel­len Ent­eig­nung beschränkt wer­den,

[…] und [dass] eine öffent­lich-recht­li­che Eigen­tums­be­schrän­kung hier­für nicht aus­rei­che, ist weder ersicht­lich noch dar­ge­tan. Das kan­to­na­le Gesetz zur Aus­füh­rung des Bun­des­ge­set­zes über die Raum­pla­nung vom 23. Janu­ar 1987 (sGS/VS 701.1) sieht in Art. 13 Abs. 3 vor, dass die Gemein­den die Errich­tung von öffent­lich-recht­li­chen Eigen­tums­be­schrän­kun­gen ver­lan­gen kön­nen, um die Ein­hal­tung ihrer Vor­schrif­ten über die zuläs­si­gen Nut­zun­gen inner­halb der ver­schie­de­nen Zonen sicher­zu­stel­len (…). Die Gemein­de durf­te somit vom Kan­tons­ge­richt als zustän­dig erach­tet wer­den, in ihrem Bau- und Zonen­re­gle­ment eine Dul­dungs­pflicht im oben erwähn­ten Sin­ne vor­zu­se­hen.”

Das Regle­ment sah fer­ner vor, dass inner­halb des Lan­de­plat­zes sowie in der angren­zen­den Hin­der­nis­frei­hal­te­flä­che bestimm­te bau­li­che Mass­nah­men, die das Lan­den gefähr­den, unter­sagt waren. Wie­der­um war Aus­le­gung ver­tret­bar, dadurch wer­de die Ver­fü­gungs­macht der Eigen­tü­mer inso­fern ein­ge­schränkt, als jede Nut­zungs­art, die das Lan­den mit Hän­ge­glei­tern behin­dern könn­te, unter­sagt sei. — Gemäss dem Regle­ment waren die Eigen­tü­mer für die Nut­zung ange­mes­sen zu ent­schä­di­gen. Die Ansicht des KGer, die Ent­schä­di­gung sei nicht Vor­aus­set­zung, son­dern Fol­ge der Eigen­tums­be­schrän­kung, ver­tret­bar. Für die Ent­schä­di­gung habe die Beschwer­de­füh­re­rin des­halb nöti­gen­falls den Rechts­weg gegen­über der Gemein­de zu beschrei­ten.
David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.