Das BGer hat dem Ver­fah­ren i.S. Pech­stein ein wei­te­res Kapi­tel hin­zu­ge­fügt. Clau­dia Pech­stein wur­de wegen eines unge­wöhn­li­che Reti­ku­lo­zy­ten-Werts im Juli 2009 für zwei Jah­re gesperrt und mach­te eine Erb­krank­heit gel­tend. Im fol­gen­den Ver­fah­ren vor dem TAS bean­trag­te Pech­stein nach Abschluss der Exper­ten-Hea­rings die Wie­der­eröff­nung des Ver­fah­rens — ein Gut­ach­ter habe sei­ne Mei­nung vor den Hea­rings offen­bar zugun­sten von Pech­stein geän­dert und sei des­halb nicht mehr auf­ge­bo­ten wor­den. Das TAS lehn­te den Antrag ab, was das BGer bestä­tig­te (dazu unser frü­he­rer Bei­trag).

Dage­gen ver­lang­te Pech­stein Revi­si­on, was das BGer im vor­lie­gen­den Urteil abge­wie­sen wird.
Als Revi­si­ons­grund führ­te Pech­stein an, es sei nach dem Urteil des TAS eine neue Dia­gno­se­me­tho­de (basie­rend auf dem Sphä­ro­zy­to­se-Quo­ti­en­ten) ent­wickelt wor­den, mit denen das Blut­bild von Pech­stein unter­sucht wer­den könn­te. Sie reich­te dazu meh­re­re Gut­ach­ten ein (z.B. die­ses).

Bei inter­na­tio­na­len Schieds­fäl­len ist eine Revi­si­on nach der Recht­spre­chung mög­lich, obschon das IPRG kei­ne ent­spre­chen­de Bestim­mung ent­hält. Das BGer wen­det BGG 123 II a an, wonach die Revi­si­on vor­aus­setzt, dass nach­träg­lich erheb­li­che Tat­sa­chen oder ent­schei­den­de Beweis­mit­tel gefun­den wer­den, die im Ver­fah­ren nicht bei­ge­bracht wer­den konn­ten, aber unter Aus­schluss von Tat­sa­chen und Beweis­mit­teln, die erst nach dem Ent­scheid ent­stan­den sind.

Vor­lie­gend zwei­felt das BGer dar­an, dass die Gut­ach­ten, die gestützt auf die neue Metho­de erstat­tet wur­den, als “nach­träg­lich auf­ge­fun­de­ne Beweis­mit­tel” zu betrach­ten sind. Die neue Metho­de konn­te anschei­nend erst ab Dezem­ber 2009 und damit nach dem TAS-Ent­scheid vom Novem­ber 2009 gut­ach­ter­lich ein­ge­setzt wer­den, so dass das Beweis­mit­tel erst nach dem Ver­fah­ren ent­stan­den wäre.

Die Fra­ge wur­de aber von BGer offen­ge­las­sen. Wenn das Revi­si­ons­ge­such mit neu­en Beweis­mit­teln begrün­det wird, die im Ver­fah­ren bereits behaup­te­te Tat­sa­chen betref­fen, und wenn die­se Tat­sa­chen Gegen­stand eines auf­wen­di­gen Beweis­ver­fah­rens waren, muss im Revi­si­ons­ge­such gezeigt wer­den, dass die Beweis­mit­tel im frü­he­ren Ver­fah­ren trotz hin­rei­chen­der Sorg­falt nicht bei­ge­bracht wer­den konn­ten, was nur mit Zurück­hal­tung anzu­neh­men sei. Hier sei es schlicht nicht plau­si­bel, dass eine bis­her unbe­kann­te Metho­de so kurz nach dem Ent­scheid des TAS auf­ge­taucht sei. Es sei unzu­läs­sig,

sich in einem Schieds­ver­fah­ren zunächst auf wis­sen­schaft­lich aner­kann­te Metho­den zu ver­las­sen und ent­spre­chen­de medi­zi­ni­sche Gut­ach­ten und Exper­ten zum Beweis anzu­bie­ten, um sich nach einem nega­tiv aus­ge­fal­le­nen Schieds­ur­teil im Rah­men des Revi­si­ons­ver­fah­rens nun­mehr auf unpu­bli­zier­te und wis­sen­schaft­lich noch wenig erhär­te­te Metho­den zu beru­fen. Hät­te sich die Gesuch­stel­le­rin zur Unter­maue­rung ihres Pro­zess­stand­punkts auf wei­te­re denk­ba­re Dia­gno­se­mög­lich­kei­ten stüt­zen wol­len, wären ihr ent­spre­chen­de Bemü­hun­gen zur Bei­brin­gung sol­cher Beweis­mit­tel zumut­bar gewe­sen.”

Frag­lich war fer­ner, ob die neu­en Beweis­mit­tel über­haupt erheb­lich wären, weil sie nach Auf­fas­sung des BGer einen wesent­li­chen Ent­scheid­grund des TAS nicht betrof­fen hät­te. Gewis­se Schwan­kun­gen des Reti­ku­lo­zy­ten-Werts sei­en mit der Dia­gno­se einer Erb­krank­heit, die auf­grund der neu­en Metho­de gut­ach­ter­lich gestellt wur­de, nicht erklär­lich. Dem wider­sprä­chen die neu­en Gut­ach­ten zwar, doch sei die­ses Argu­ment bereits im TAS-Ver­fah­ren gewür­digt wor­den (dem wider­spricht Pech­stein aller­dings; vgl. hier); inso­fern sei­en die Gut­ach­ten kei­ne neu­en Beweis­mit­tel, son­dern nur der Ver­such einer neu­en Sach­ver­halts­wür­di­gung.

Das BGer weist das Revi­si­ons­ge­such des­halb ab.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.