X und Y, bei­de seit meh­re­ren Jah­ren Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger, hat­ten in dem von ihnen unter­zeich­ne­ten Unter­stüt­zungs­ge­such wahr­heits­wid­rig ange­ge­ben, Y sei arbeits­los. Tat­säch­lich erziel­te die­ser als Haus­wart der von ihnen bewohn­ten Lie­gen­schaft ein monat­li­ches Ein­kom­men von Fr. 400.–. Hier­für wur­den sie wegen Betrugs (Art. 146 Abs. 1 StGB) zu einer beding­ten Geld­stra­fe ver­ur­teilt. Die dage­gen ein­ge­leg­te Beschwer­de weist das Bun­des­ge­richt mit Urteil vom 25. Okto­ber 2010 (ver­ei­nig­te Ver­fah­ren 6B_689/2010 und 6B_690/2010) ab:

Das Argu­ment, es läge kei­ne Arg­list vor, weil das Sozi­al­amt die zumut­ba­re Über­prü­fung der Anga­ben bei­der Beschwer­de­füh­rer unter­las­sen habe, wird vom Bun­des­ge­richt ver­wor­fen:

4.3.3 […] Auch unter dem Gesichts­punkt der Opfer­mit­ver­ant­wor­tung erfor­dert die Erfül­lung des Tat­be­stands indes nicht, dass das Täu­schungs­op­fer die grösst­mög­li­che Sorg­falt wal­ten lässt und alle erdenk­li­chen Vor­keh­ren trifft. Ent­spre­chend ent­fällt der straf­recht­li­che Schutz nicht bei jeder Fahr­läs­sig­keit des Getäusch­ten, son­dern nur bei Leicht­fer­tig­keit, wel­che das betrü­ge­ri­sche Ver­hal­ten des Täters in den Hin­ter­grund tre­ten lässt (BGE 135 IV 76 E. 5.2; 128 IV 18 E. 3a; 126 IV 165 E. 2a; je mit Hin­wei­sen).
4.3.4 Letz­te­res gilt nach der Recht­spre­chung auch im Bereich der Sozi­al­hil­fe. Die Behör­de han­delt leicht­fer­tig, wenn sie die ein­ge­reich­ten Bele­ge nicht prüft oder es unter­lässt, die um Sozi­al­hil­fe ersu­chen­de Per­son auf­zu­for­dern, die für die Abklä­rung der Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se rele­van­ten Unter­la­gen wie bei­spiels­wei­se die letz­te Steu­er­erklä­rung und Steu­er­ver­an­la­gung oder Kon­to­aus­zü­ge ein­zu­rei­chen. Hin­ge­gen kann ihr eine sol­che Unter­las­sung, ange­sichts der gro­ssen Zahl von Sozi­al­hil­fe­er­su­chen, nicht zum Vor­wurf gemacht wer­den, wenn die­se Unter­la­gen kei­ne oder vor­aus­sicht­lich kei­ne Hin­wei­se auf nicht dekla­rier­te Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­wer­te ent­hal­ten (vgl. Urteil 6B_409/2007 vom 9. Okto­ber 2007 E. 2.2 […]).

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.