Das Bun­des­ge­richt hat­te sich im Ent­scheid 1B_25/2011 zur Aus­le­gung von Art. 221 Abs. 1 lit. c der schwei­ze­ri­schen Straf­pro­zess­ord­nung (StPO) zu äussern. Der auf Ita­lie­nisch ver­fass­te Ent­scheid ist zur Publi­ka­ti­on in der amt­li­chen Samm­lung vor­ge­se­hen.

Dem Ent­scheid lag ver­kürzt fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de: Der Beschul­dig­te wur­de ver­haf­tet. Ihm wur­de vor­ge­wor­fen, ein Tötungs­de­likt began­gen zu haben. Der Staats­an­walt bean­trag­te Ver­län­ge­rung der Haft für die Zeit der Unter­su­chung. Ein Gut­ach­ten atte­stier­te dem Beschul­dig­ten eine nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keits­stö­rung mit schwe­ren aso­zia­len Zügen. Ohne qua­li­fi­zier­te psych­ia­tri­sche Betreu­tung, wel­che der Beschul­dig­te jedoch ver­wei­ger­te, bestand gemäss Gut­ach­ter eine erheb­lich Wie­der­ho­lungs­ge­fahr.

In dem vom Beschul­dig­ten ein­ge­lei­te­ten Rechts­mit­tel­ver­fah­ren stell­te sich die Fra­ge nach der Aus­le­gung von Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO, ins­be­son­de­re in Hin­blick auf die Vor­aus­set­zung der Wie­der­ho­lungs­ge­fahr (“[…] nach­dem sie bereits frü­her gleich­ar­ti­ge Straf­ta­ten ver­übt hat.”). Hin­ter­grund: Im Unter­su­chungs­sta­di­um stand die Ver­übung des dem Beschul­dig­ten vor­ge­wor­fe­nen Tötungs­de­likts natur­ge­mäss noch nicht fest. Ande­re “gleich­ar­ti­ge Straf­ta­ten” hat­te der Beschul­dig­te offen­bar nicht ver­übt. Bei rein wört­li­cher Aus­le­gung der Norm wären die Vor­aus­set­zun­gen für eine Unter­su­chungs­haft mit­hin zu ver­nei­nen gewe­sen.

Sowohl die Vor­in­stanz wie auch das Bun­des­ge­richt gin­gen von einem zu engen Geset­zes­wort­laut aus und gaben einer teleo­lo­gisch-syste­ma­ti­schen Aus­le­gung den Vor­zug. Unter Beru­fung auf die Bot­schaft zur StPO stell­ten die Gerichts­in­stan­zen als Geset­zes­zie­le die Ver­hin­de­rung mög­li­cher wei­te­rer Straf­ta­ten sowie den Schutz der öffent­li­chen Sicher­heit in den Vor­der­grund (vgl. Bot­schaft S. 1229).

Im Ein­zel­nen argu­men­tier­te das Bun­des­ge­richt fol­gen­der­ma­ssen (inof­fi­zi­el­le Über­set­zung aus dem Ita­lie­ni­schen):

“4.2. Vor­lie­gend geht es um den Schutz zwei­er ver­schie­de­ner juri­sti­scher Güter: einer­seits die per­sön­li­che Frei­heit des Inhaf­tier­ten in Erwar­tung eines Urteils, ande­rer­seits die öffent­li­che Sicher­heit und mit­hin die Grund­rech­te Drit­ter. Wie gese­hen geht die Bot­schaft davon aus, die Wie­der­ho­lungs­ge­fahr i.S.v. Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO bezwecke die Ver­hin­de­rung von Gefah­ren und stel­le eine sichern­de Zwangs­mass­nah­me dar. Auch Art. 5 Abs. 1 lit. c EMRK sieht kei­ne wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen für einen Frei­heits­ent­zug vor, wenn trif­ti­ge und kon­kre­te Grün­de bestehen, die es als nötig erschei­nen las­sen, den Betref­fen­den davon abzu­hal­ten, eine Tat zu bege­hen, wobei mass­ge­ben­des Kri­te­ri­um die öffent­li­che Sicher­heit ist.”
In sei­ner nach­fol­gen­den Erwä­gung zieht das Bun­des­ge­richt den in Abs. 2 von Art. 221 StPO gere­gel­ten Haft­grund der Aus­übungs­ge­fahr in sei­ne Über­le­gun­gen mit ein: 
“4.3 Tat­säch­lich ist die öffent­li­che Sicher­heit nicht weni­ger gefähr­det, wenn die ernst­haf­te und kon­kre­te Gefahr besteht, dass ein drin­gend eines Ver­bre­chens oder Ver­ge­hens Ver­däch­tig­ter die Sicher­heit eines Ande­ren ernst­haft bedroht […], als wenn ernst­haft zu befürch­ten ist, dass eine Per­son ihre Dro­hung, ein schwe­res Ver­bre­chen aus­zu­füh­ren, in der Fol­ge tat­säch­lich wahr­macht (Art. 221 Abs. 2 StPO). Aus dem psych­ia­tri­schen Gut­ach­ten, aus den münd­li­chen gut­ach­ter­li­chen Aus­füh­run­gen sowie den Fest­stel­lun­gen der [Vor­in­stanz] folgt klar, dass die Haft­ent­las­sung im vor­lie­gen­den Fall eine schwe­re, ernst­haf­te und kon­kre­te Gefahr für die öffent­li­che Sicher­heit dar­stel­len wür­de. Aus der syste­ma­ti­schen und teleo­lo­gi­schen Aus­le­gung von Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO in Ver­bin­dung mit des­sen Abs. 2 ergibt sich, wie in der Bot­schaft näher aus­ge­führt, der Wil­le des Gesetz­ge­bers, in beson­ders schwe­ren Fäl­len die Sicher­heit Drit­ter zu schüt­zen, indem ernst­haf­te und kon­kre­te Gefah­ren ver­hin­dert wer­den.”

Im vor­lie­gen­den Fall wur­de das Vor­lie­gen einer beson­ders schwe­ren und rea­li­sti­schen Gefahr bejaht, wel­che sich nur durch die Auf­recht­erhal­tung der Haft ver­hin­dern lie­sse. Dem­ge­gen­über wür­de eine Frei­las­sung dazu füh­ren, die Sicher­heit ande­rer Per­so­nen erst­haft zu gefähr­den (E. 4.4).

Ins­ge­samt hielt das Bun­des­ge­richt die Haft als durch das öffent­li­che Inter­es­se und den Schutz der Grund­rech­te Drit­ter (Art. 36 Abs. 2 BV) für gerecht­fer­tigt (E. 4.5). Gleich­zei­tig hielt das Bun­des­ge­richt indes fest, Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO sei nicht leicht­hin anzu­wen­den: 

“4.5 [Ver­weis auf öffent­li­ches Inter­es­se und Art. 36 Abs. 2 BV] Dies bedeu­tet nicht, dass Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO unter­schieds­los auch in Fäl­len ange­wen­det wer­den kann, in denen kei­ne frü­her ver­üb­ten Taten vor­lie­gen, son­dern nur mit gro­sser Zurück­hal­tung, wenn schwe­re Ver­bre­chen oder Ver­ge­hen vor­lie­gen sowie eine ernst­haf­te Gefahr für die poten­ti­el­len Opfer besteht. Es wird Sache der Recht­spre­chung sein, den Anwen­dungs­be­reich [von Art. 221 Abs. 1 lit. c StPO] von Fall zu Fall mit beson­de­rer Umsicht fest­zu­le­gen, wobei den Beson­der­hei­ten der jewei­li­gen Ein­zel­fäl­le Rech­nung zu tra­gen ist.”
Claudio Kerber

Posted by Claudio Kerber

RA lic.iur. Claudio Kerber arbeitet als Rechtsanwalt und Partner bei der Kanzlei Werder Viganò AG. Er ist Ko-Autor von Lehrwerken zum Wertpapierrecht (2005) und Finanzmarktrecht (2015).