Das Bun­des­ge­richt hat mit Urteil vom 29. März 2011 (6B_898/2010) die Beschwer­de eines amt­li­chen Ver­tei­di­gers gut­ge­hei­ssen, der sei­ne durch die Vor­in­stanz zuge­spro­che­ne Ent­schä­di­gung als zu tief betrach­te­te und eine Erhö­hung ver­lang­te.

Die Beschwer­de gegen den Zwi­schen­be­scheid betref­fend die Kosten- und Ent­schä­di­gungs­fol­gen war zuläs­sig, da der Beschwer­de­füh­rer nicht Par­tei des Haupt­ver­fah­rens, son­dern ledig­lich Rechts­ver­tre­ter des Ange­klag­ten war. Die Fra­ge sei­ner per­sön­li­chen Ent­schä­di­gung für das in Fra­ge ste­hen­de Beru­fungs­ver­fah­ren hät­te daher unab­hän­gig vom neu­en Ent­scheid in der Haupt­sa­che nicht mehr behan­delt wer­den kön­nen, was für ihn einen nicht wie­der gut­zu­ma­chen­den Nach­teil gemäss Art. 93 Abs. 1 BGG bewirkt hät­te. Er muss­te daher gegen die Ent­schä­di­gungs­hö­he nicht im Rah­men einer Beschwer­de gegen den Zwi­schen­ent­scheid im Haupt­punkt (vgl. Art. 93 Abs. 1 BGG) bzw. mit einer Beschwer­de gegen den End­ent­scheid (vgl. Art. 93 Abs. 3 BGG) vor­ge­hen.

Die Vor­in­stanz hat­te dem Beschwer­de­füh­rer einen Stun­den­satz von Fr. 200.– (statt der bean­trag­ten Fr. 240. – ) zuge­spro­chen, denn er habe für sei­nen Man­dan­ten einen voll­um­fäng­li­chen Frei­spruch von Schuld und Stra­fe ver­langt, die Sache wer­de aber an die Staats­an­walt­schaft zurück­ge­wie­sen. Der Beschwer­de­füh­rer brach­te dage­gen vor, die Rück­wei­sung eines Ent­scheids bei bean­trag­tem Frei­spruch sei nicht als Unter­lie­gen zu qua­li­fi­zie­ren.

Das Bun­des­ge­richt gibt dem Beschwer­de­füh­rer recht und ändert das Urteil des Kan­tons­ge­richts Grau­bün­den auf einen Stun­den­an­satz zu Fr. 240.– ab:

3.4 Das Bun­des­ge­richt stuft eine Rück­wei­sung der Sache an eine unte­re Instanz in stän­di­ger Pra­xis als vol­les Obsie­gen der beschwer­de­füh­ren­den Par­tei im Sin­ne von Art. 66 BGG ein. Die­se vor allem in den sozi­al­recht­li­chen Abtei­lun­gen expli­zit ver­an­ker­te Recht­spre­chung (sie­he etwa BGE 133 V 450 E. 13 mit Hin­weis auf BGE 132 V 215 E. 6.1 sowie neu­estens das Urteil 9C_646/2010 vom 23. Febru­ar 2011 E. 5 mit wei­te­ren Hin­wei­sen), fin­det auch im öffent­li­chen Recht (1C_397/2009 vom 26. April 2010 E. 6) sowie im Straf­recht Anwen­dung (vgl. ein­zig das Urteil 6B_560/2010 vom 13. Dezem­ber 2010).

3.5 […] Es ist nicht erkenn­bar, inwie­fern der Beschwer­de­füh­rer, der für A. einen Frei­spruch bean­tragt hat­te, nicht obsiegt hät­te. In bei­den Ankla­ge­punk­ten erfolg­te kei­ne Ver­ur­tei­lung, da der erst­in­stanz­li­che Schuld­spruch an gra­vie­ren­den Ver­fah­rens­män­geln litt, die eine Prü­fung der Tat­be­stands­mä­ssig­keit der ange­klag­ten Delik­te durch die Vor­in­stanz ver­un­mög­lich­te. Der Beschwer­de­füh­rer führt wei­ter zu Recht ins Feld, dass er nicht für die vom Staat ver­ur­sach­ten Mehr­ko­sten der Rück­wei­sung ein­zu­ste­hen habe. Die Reduk­ti­on des Stun­den­an­sat­zes des Beschwer­de­füh­rers in sei­ner Funk­ti­on als amt­li­cher Ver­tei­di­ger von A. ver­letzt sowohl das Will­kür­ver­bot gemäss Art. 9 BV als auch das Gebot der rechts­glei­chen Behand­lung gemäss Art. 8 Abs. 1 BV.

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.