Ein Beschwer­de­füh­rer hat vor dem Bun­des­ge­richt erfolg­los die Ver­let­zung der Grund­sät­ze “ne bis in idem” und “res iudi­ca­ta” gerügt. Das ihm zur Last geleg­te Über­hol­ma­nö­ver, bei dem er „mehr Glück als Ver­stand gehabt habe“, war von der ersten Instanz nach zwei Hand­lungs­kom­ple­xen getrennt beur­teilt wor­den; das Gericht­be­fand ihn der gro­ben Ver­kehrs­ver­let­zung (Art. 34 Abs. 4, 35 Abs. 3 sowie 90 Ziff. 2 SVG) und der ein­fa­chen Ver­kehrs­ver­let­zung (Art. 35 Abs. 2 i.V.m. Art. 90 Ziff. 1 SVG) schul­dig. Die zwei­te Instanz hat­te nur die Ver­ur­tei­lung wegen gro­ber Ver­kehrs­ver­let­zung zu über­prü­fen, wobei es an das Ver­schlech­te­rungs­ge­bot gebun­den war; das erst­in­stanz­li­che pra­xis­wid­ri­ge Beur­tei­lungs­split­ting des Über­hol­ma­nö­vers sei rein pro­zes­su­al hin­zu­neh­men. Der Beschwer­de­füh­rer mach­te dage­gen gel­tend, sein Ver­hal­ten sei als eine ein­fa­che Ver­kehrs­re­gel­ver­let­zung in Tat­ein­heit zu bewer­ten.

Das Bun­des­ge­richt wies die Beschwer­de mit Urteil vom 1. Juni 2011 (6B_915/2010) ab. Es besteht zwar Tat­ein­heit im Hin­blick des „in einem Zuge durch­ge­führ­ten Über­hol­ma­nö­vers”, so dass der Sach­ver­halt im Gegen­satz zur Auf­fas­sung der Erst­in­stanz nicht auf­ge­teilt und selb­stän­dig beur­teilt wer­den kann. Aller­dings ver­letz­te der Beschwer­de­füh­rer meh­re­re Ver­kehrs­re­geln, ging aber nur teil­wei­se gegen die Ver­ur­tei­lung vor:

5. Indem er ledig­lich einen der bei­den Teil­schuld­sprü­che ange­foch­ten hat­te, wur­de der ande­re rechts­kräf­tig und der Vor­in­stanz ver­un­mög­licht, dar­auf zurück zu kom­men. Rich­ti­ger­wei­se wäre das gesam­te Über­hol­ma­nö­ver unter den Tat­be­stand von Art. 90 Ziff. 2 SVG zu sub­su­mie­ren gewe­sen. Der Beschwer­de­füh­rer kommt durch die­ses “Split­ting” und das Ver­schlech- terungs­ver­bot bes­ser weg.

Der nicht ange­foch­te­ne Teil­schuld­spruch mit der dies­be­züg­li­chen Sank­ti­on erwuchs in Rechts­kraft (res iudi­ca­ta). Den ande­ren Teil­schuld­spruch mit der ent­spre­chen­den Sank­ti­on focht der Beschwer­de­füh­rer an, und die Vor­in­stanz bestä­tigt Schuld­spruch und Sank­ti­on der Erst­in­stanz. Das ver­letzt den res iudi­ca­ta-Grund­satz nicht, eben­so wenig den Grund­satz “ne bis in idem”. Die Vor­in­stanz bestä­tigt ledig­lich den ange­foch­te­nen erst­in­stanz­li­chen Teil­schuld­spruch mit­samt Sank­ti­on.

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.