Das vor­lie­gen­de Urteil des BGer ist im Nach­gang des Zusam­men­bruchs der Leh­man Bro­thers ergan­gen. Auf den dama­li­gen Nie­der­län­di­schen Antil­len war über eine Gesell­schaft von Leh­man Bro­thers der Kon­kurs eröff­net wor­den. Dar­auf ver­lang­te der dor­ti­ge Mas­se­ver­wal­ter, in der Schweiz sei für die betrof­fe­ne Gesell­schaft ein Sach­wal­ter zu bestim­men, der dann For­de­run­gen gegen eine ande­re Leh­man-Gesell­schaft gel­tend zu machen habe. Die­ses Gesuch wies das Bez­Ger ZH ab. Das OGer bestä­tig­te die­sen Ent­scheid, eben­so wie jetzt das BGer:

In der Schweiz kann ein aus­län­di­sches Kon­kurs­de­kret aner­kannt wer­den (IPRG 166), wenn es im Her­kunfts­staat voll­streck­bar ist, wenn kein Ver­wei­ge­rungs­grund iSv IPRG 27 vor­liegt und wenn der aus­län­di­sche Staat Gegen­recht hält. Bei Aner­ken­nung erfolgt in der Schweiz ein “Mini­kon­kurs” (IPRG 170 ff). Die­ses System ist abschlie­ssend, wes­halb eine aus­län­di­sche Kon­kurs­mas­se nicht befugt ist, in der Schweiz eine Kla­ge gegen einen Schuld­ner des Kon­kur­si­ten zu erhe­ben oder in der Schweiz im Kon­kurs des Schuld­ners eine For­de­rung ein­zu­ge­ben. Andern­falls wür­de das System von IPRG 166 ff. aus­ge­höhlt.

Hier ging der Mas­se­ver­wal­ter davon aus, dass eine Aner­ken­nung des Kon­kurs­de­krets man­gels Gegen­recht nicht in Fra­ge kom­me. Es sei des­halb in ana­lo­ger Anwen­dung von OR 731b I Ziff. 2 (Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel) ein Sach­wal­ter zu bestel­len, weil die aus­län­di­sche Kon­kurs­mas­se in der Schweiz eben­falls hand­lungs­un­fä­hig sei.

Das BGer lehnt die­se ana­lo­ge Anwen­dung ab: Einer­seits ist das IPRG-System abschlie­ssend. Eine aus­län­di­sche Mas­se kann man­gels Aner­ken­nung des Dekrets nicht nur nicht kla­gen, son­dern auch kei­ne Bestel­lung eines Sach­wal­ters ver­lan­gen. Zudem lie­fe die Sach­wal­ter­be­stel­lung auf eine Bes­ser­stel­lung von Staa­ten hin­aus, die kein Gegen­recht gewäh­ren, denn die­se könn­ten auf ein Ver­fah­ren iSv IPRG 166 ver­zich­ten.

Obiter deu­tet das BGer aller­dings an, dass die Rege­lung von IPRG 166 ff. allen­falls nicht mehr “sinn­voll” oder “zeit­ge­mäss” ist, gera­de auch im Lich­te des soeben revi­dier­ten BankG 37g) sein könn­te.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.