Das Bun­des­ge­richt hat ent­schie­den, dass trotz Aus­tritt aus der Kir­che kein Anspruch auf Reduk­ti­on des Kan­tons­steu­er­an­teils um den Anteil der Pfarrer­löh­ne am Gesamt­auf­wand des Kan­tons (i.c. 0.813%) besteht.

X. war aus der Kir­che aus­ge­tre­ten, wes­halb sie auch kei­ne Kir­chen­steu­er bezahl­te. Weil aber im Kan­ton BE — im Unter­schied zu ande­ren Schwei­zer Kan­to­nen — die Pfar­rer der öffent­lich-recht­lich aner­kann­ten Kir­chen vom Kan­ton besol­det wer­den, ver­lang­te sie zudem eine anteils­mä­ssi­ge Reduk­ti­on des Kan­tons­steu­er­an­teils, vor­lie­gend 0.813%. Der Antrag wur­de von den kan­to­na­len Behör­den abge­lehnt, die dage­gen erho­be­ne Beschwer­de vom Bun­des­ge­richt abge­wie­sen.

Gemäss BV 15 (Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit) darf nie­mand gezwun­gen wer­den, einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft bei­zu­tre­ten oder anzu­ge­hö­ren. Wei­ter wird aus BV 15 I abge­lei­tet, dass nie­mand gehal­ten sei, Steu­ern zu zah­len, wel­che spe­zi­ell für eigent­li­che Kul­tus­zwecke einer Reli­gi­ons­ge­nos­sen­schaft, der er nicht ange­hört, auf­er­legt wer­den (aus­drück­lich in aBV 49 VI).

Gemäss Recht­spre­chung galt die Garan­tie aBV 49 VI nur für die eigent­li­chen Kir­chen­steu­ern, also “les impôts dont le pro­du­it est spé­cia­le­ment affec­té aux frais pro­pre­ment dits du cul­te”. Dage­gen bezog sie sich zwar nicht auf die all­ge­mei­nen Kan­tons­steu­ern, mit denen die Kan­to­ne die Auf­wen­dun­gen einer öffent­lich-recht­lich aner­kann­ten Kir­che finan­zier­ten, gemäss Pra­xis wohl aber auf Bei­trä­ge, wel­che die Gemein­den aus ihren all­ge­mei­nen Mit­teln den genann­ten Kir­chen zuwen­de­ten. Ent­spre­chend konn­ten Steu­er­pflich­ti­ge, die der unter­stütz­ten Kir­che nicht ange­hör­ten, konn­ten eine ent­spre­chen­de Reduk­ti­on ihrer Gemein­de­steu­ern ver­lan­gen (BGE 99 Ia 739 E. 3 S. 742 ff.).

Die Beschwer­de­füh­re­rin mach­te unter ande­rem gel­tend, die neue Bun­des­ver­fas­sung ent­hal­te kei­ne aBV 49 VI ent­spre­chen­de Regel mehr, so dass der Grund für die (bis­he­ri­ge pra­xis­ge­mä­sse) Aus­nah­me von der Steu­er­be­frei­ung Kon­fes­si­ons­lo­ser bei den kan­to­na­len Steu­ern weg­ge­fal­len sei.

Das Bun­des­ge­richt zeig­te zwar Ver­ständ­nis, dass “die Beschwer­de­füh­re­rin als Athe­istin auch nicht indi­rekt an die Besol­dung der Pfar­rer bei­tra­gen möch­te.”

Es stütz­te sich beim Ent­scheid aber ins­be­son­de­re auf den Grund­satz, dass all­ge­mei­ne Steu­ern vor­aus­set­zungs­los geschul­det sind und dass auf­grund der All­ge­mein­heit der Steu­er bei deren Erhe­bung die Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit kei­ne Rol­le spielt.

E. 3.1 Die Steu­er­pflicht kann daher von vorn­her­ein nicht mit Argu­men­ten bestrit­ten wer­den, die […] die Mit­tel­ver­wen­dung durch den Staat betref­fen; denn bei Letz­te­rer ist die Ver­bin­dung zur Mit­tel­be­schaf­fung beim Steu­er­pflich­ti­gen der­art lose, dass nicht gesagt wer­den kann, der Ein­zel­ne unter­stüt­ze mit­tels sei­ner Steu­ern eine bestimm­te Reli­gi­ons­ge­mein­schaft. […] Der schwei­ze­ri­sche Gesetz­ge­ber geht eben­falls davon aus, dass die Pflicht zur Bezah­lung von Steu­ern und Prä­mi­en obli­ga­to­ri­scher Ver­si­che­run­gen die Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit nicht berührt und ihre Erfül­lung des­halb nicht unter Beru­fung auf die­ses Grund­recht abge­lehnt wer­den kann.

E. 3.4 Selbst wenn unter den gege­be­nen Umstän­den eine Berüh­rung der Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit bejaht wür­de, führ­te dies zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis. Denn die Pflicht zur Bezah­lung der unver­min­der­ten Kan­tons­steu­er erschie­ne gemäss BV 36 als zuläs­si­ge Ein­schrän­kung die­ses Grund­rechts. Sie stützt sich unbe­strit­te­ner­ma­ssen auf eine gesetz­li­che Grund­la­ge im kan­to­na­len Steu­er­ge­setz. Das öffent­li­che Inter­es­se an der Erhe­bung von Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­steu­ern ist offen­kun­dig, eben­so an der staat­li­chen Unter­stüt­zung der aner­kann­ten Lan­des­kir­chen (vgl. Art. 123 Abs. 3 KV/BE). Schliess­lich wäre auch der Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ssig­keit gewahrt, da allen­falls ledig­lich von einem gering­fü­gi­gen Ein­griff in die Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit gespro­chen wer­den könn­te.

Michael Fischer

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