Nach ZPO 7 dür­fen die Kan­to­ne im Bereich der Zusatz­ver­si­che­run­gen zur sozia­len Kran­ken­ver­si­che­rung ein Gericht bezeich­nen, das als ein­zi­ge kan­to­na­le Instanz zustän­dig ist, und damit den Grund­satz der dou­ble instan­ce durch­bre­chen. Der Kan­ton Zürich hat davon Gebrauch gemacht und das Sozi­al­ver­si­che­rungs­ge­richt ZH als ein­zi­ge kan­to­na­le Instanz (im genann­ten Bereich) vor­ge­se­hen. Mit der Ein­füh­rung der ZPO wur­den BGG 74 II b und BGG 75 II a gleich­zei­tig dahin­ge­hend geän­dert, dass eine streit­wert­u­n­ab­hän­gi­ge Beschwer­de ans BGer zuläs­sig ist, wenn ein Bun­des­ge­setz eine ein­zi­ge kan­to­na­le Instanz “vor­sieht” (nicht mehr: “vor­schreibt”; zur Lage vor Inkraft­tre­ten der ZPO: BGE 133 III 439 E 2.2.2.2). Infol­ge­des­sen konn­te das BGer auf eine Beschwer­de gegen ein Urteil des SozVers­Ger ZH ein­tre­ten.

In der Sache hat­te das BGer ein Mahn­schrei­ben des Ver­si­che­rers zu beur­tei­len. Bei Prä­mi­en­ver­zug ist der Schuld­ner unter Andro­hung der Säum­nis­fol­gen schrift­lich zur Zah­lung inner­halb von 14 Tagen auf­zu­for­dern (VVG 20 I). Der Ver­si­che­rungs­schutz wird sus­pen­diert, bei vor­läu­fig wei­ter bestehen­dem Ver­trags­ver­hält­nis (VVG 20 III). Der Ver­si­che­rer hat ein Wahl­recht: Er kann inner­halb von der zwei Mona­ten nach Ablauf der 14-Tages-Frist die aus­ste­hen­de Prä­mie recht­lich ein­for­dern oder aber vom Ver­trag zurück­tre­ten (unter Ver­lust sei­nes Anspruchs auf die aus­ste­hen­de Prä­mie). Nach Ablauf der zwei Mona­te wird der Rück­tritt unwi­der­leg­bar ver­mu­tet (VVG 21 I). Der Ver­si­che­rer, der den Ver­trag nicht hal­ten will, kann daher jeder­zeit sei­nen Rück­tritt erklä­ren oder die Frist aus­lau­fen las­sen.

Weil die­se Rege­lung ein­schnei­den­der ist als die Rege­lung des OR AT, bestehen hohe Anfor­de­run­gen an die Mah­nung iSv VVG 20 I. Sie muss

  • die Beträ­ge nen­nen, für die Zah­lung ver­langt wird, und die Zah­lungs­frist von 14 Tagen; 
  • aus­drück­lich die Säum­nis­fol­gen ange­ben (expli­zit, klar und umfas­send; ein Hin­weis auf die dem Mahn­schrei­ben bei­ge­füg­ten Geset­zes­nor­men von VVG 20 f. reicht nicht; eben­so wenig ein Hin­weis auf AVB oder BVB; eben­so wenig die Anga­be, dass beim Ver­si­che­rer zusätz­li­che Aus­künf­te ein­ge­holt wer­den kön­nen.

Im vor­lie­gen­den Fall hat­te das Mahn­schrei­ben fol­gen­den Inhalt:

  • Die Lei­stungs­pflicht der X ruht, d.h. Sie haben bei einem ver­si­cher­ten Ereig­nis nach dem 27. Febru­ar 2008 kei­nen Ver­si­che­rungs­schutz mehr.
  • Die X kann unter Ver­zicht auf die Prä­mie vom Ver­si­che­rungs­ver­trag zurück­tre­ten.
  • Die X kann den aus­ste­hen­den Betrag inkl. Zin­sen und Kosten aber auch auf dem Betrei­bungs­weg ein­for­dern. Zudem fal­len wei­te­re Betrei­bungs­ko­sten für Sie an, wel­che von den Behör­den erho­ben wer­den.
  • Ver­spä­te­te Über­wei­sung des uns geschul­de­ten Betra­ges genügt zur Abwen­dung die­ser Ver­zugs­fol­gen dann nicht mehr.

Das Schrei­ben ent­hielt dem­ge­gen­über kei­nen Hin­weis auf die in VVG 21 I fest­ge­hal­te­ne Rück­tritts­ver­mu­tung. Das BGer beur­teilt es als “ins­be­son­de­re” inso­fern unvoll­stän­dig. Daher tra­ten die gesetz­lich vor­ge­se­he­nen Säum­nis­fol­gen nicht ein.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.