Das HGer AG hat­te das Gesuch um vor­sorg­li­che Beweis­füh­rung iSv ZPO 158 (durch einen Augen­schein) einer Patent­in­ha­be­rin abge­wie­sen. Das BGer tritt auf die Beschwer­de gegen die­sen Ent­scheid, der von einem Haupt­ver­fah­ren unab­hän­gig und damit eigen­stän­dig und damit ein End­ent­scheid iSv BGG 90 ist, ein.

Strit­tig war, ob ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se iSv ZPO 158 I b vor­lag (bzw. glaub­haft war). Das Ziel der Mass­nah­me war die Klä­rung der Beweis- und Pro­zess­aus­sich­ten. Dar­in kann, wie auch das HGer AG fest­ge­hal­ten hat, ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se lie­gen. Die Gesuch­stel­le­rin habe dabei den Haupt­sa­che­an­spruch in den Grund­zü­gen dar­zu­le­gen und Tat­sa­chen glaub­haft zu machen, die für die Iden­ti­fi­ka­ti­on die­ses Anspruchs not­wen­dig sind.

Zu beach­ten sei­en jedoch auch die spe­zi­al­ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten, hier von PatG 77 (vor­sorg­li­che Mass­nah­men). PatG 77 set­ze — anders als ZPO 158 hin­aus — eine posi­ti­ve Haupt­sache­pro­gno­se. Ins­be­son­de­re genü­ge die blo­sse Behaup­tung, ein Schutz­recht sei ver­letzt wor­den, nicht. Die Gesuch­stel­le­rin habe viel­mehr dar­zu­le­gen, dass eine hin­rei­chen­de Wahr­schein­lich­keit für die Ver­let­zung ihres Patent­rechts besteht. Zwar ste­he die vor­sorg­li­che Beweis­füh­rung iSv ZPO 158 als Alter­na­ti­ve PatG 77 zur Ver­fü­gung. Sie dür­fe aber nicht dazu die­nen, die stren­ge­ren spe­zi­al­ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen zu umge­hen.

Das BGer lehnt die­se zivil­pro­zes­sua­le Umwegthe­se ab: Der Anspruch auf Mass­nah­men zur Beweis­si­che­rung iSv PatG 77 I lit. a ist ein spe­zi­al­ge­setz­li­cher Anspruch iSv ZPO 158 I a. Er besteht nach den Vor­aus­set­zun­gen von PatG 77.

Davon unab­hän­gig ist die von der Beschwer­de­füh­re­rin im vor­lie­gen­den Fall bean­trag­te Durch­füh­rung eines Augen­scheins i.S. von Art. 181 f. ZPO als vor­sorg­li­che Beweis­mass­nah­me gemäss Art. 158 Abs. 1 lit. b ZPO. Dass den Par­tei­en auch bei patent­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten die Mög­lich­keit offen steht, die vor­sorg­li­che Abnah­me ande­rer Beweis­mit­tel als der genau­en Beschrei­bung nach Art. 77 PatG, also z.B. die Ein­ver­nah­me von Zeu­gen, die Edi­ti­on von Kon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen oder War­tungs­hand­bü­chern etc., gestützt auf Art. 158 Abs. 1 lit. b ZPO zu erwir­ken, wird in der Lite­ra­tur als selbst­ver­ständ­lich erach­tet […]. Es ist in der Tat kein Grund ersicht­lich, wes­halb das all­ge­mei­ne zivil­pro­zes­sua­le Instru­men­ta­ri­um nicht auch im Bereich des Patent­rechts zur Anwen­dung gelan­gen soll. Ein Augen­schein gemäss Art. 181 f. ZPO kann auch in patent­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten gestützt auf Art. 158 Abs. 1 lit. b ZPO als vor­sorg­li­che Beweis­mass­nah­me ange­ord­net wer­den, sofern die gesuch­stel­len­de Par­tei ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se glaub­haft macht.
David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.