In einer nach­bar­recht­li­chen Strei­tig­keit hält das BGer zunächst fest, dass der Zivil­rich­ter an rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­de des öffent­li­chen Bau­rechts gebun­den ist. Das BGer stützt sich dabei auf das erbrecht­li­che Urteil BGE 137 III 8 E. 3.3.1:

3.3.1 Nach schwei­ze­ri­scher Rechts­auf­fas­sung sind Gerich­te und Behör­den befugt, Vor­fra­gen aus einem ande­ren Zustän­dig­keits­be­reich zu beur­tei­len, solan­ge dar­über die hie­für zustän­di­gen Behör­den und Gerich­te im kon­kre­ten Fall noch kei­nen rechts­kräf­ti­gen Ent­scheid getrof­fen haben. Die Ant­wort auf die Vor­fra­ge ist dabei ledig­lich Urteils­er­wä­gung und nimmt an der Rechts­kraft des Urteils nicht teil […].

Der Zivil­rich­ter ist daher grund­sätz­lich (zur Aus­nah­me s. sogl.) an bau­recht­li­che Ent­schei­de gebun­den:

Lorsque les immis­si­ons pro­vi­en­nent d’une con­struc­tion auto­ri­sée par déci­si­on admi­ni­stra­ti­ve, le juge civil sai­si d’une action fon­dée sur les art. 679/684 CC ne doit pas exami­ner la vali­dité de cet­te déci­si­on, ni sub­sti­tu­er sa prop­re appré­cia­ti­on à cel­le de l’autorité admi­ni­stra­ti­ve. Il ne peut sta­tu­er en effet à tit­re préju­di­ciel sur des questi­ons de droit public que si l’autorité com­pé­ten­te ne s’est pas déjà pro­non­cée à ce sujet (ATF 137 III 8 con­s­id. 3.3.1 et les réf. citées). Le juge civil est lié par la déci­si­on admi­ni­stra­ti­ve ren­due par l’autorité com­pé­ten­te, à moins que cet­te déci­si­on ne soit abso­lu­ment nul­le […].

Die Nich­tig­keit eines Ent­scheids ist dabei eine sel­te­ne Aus­nah­me. Den­noch bleibt dem Zivil­rich­ter ein gewis­ser Spiel­raum. Die Schutz­wir­kung des kan­to­na­len öffent­li­che Bau­rechts kann sich näm­lich, aus Sicht des Bun­des­zi­vil­rechts, als unzu­rei­chend erwei­sen:

En effet, les règles de droit for­mel ou maté­ri­el décré­tées par le droit public can­to­nal peu­vent se révé­ler insuf­fi­san­tes pour pro­té­ger les voisins de maniè­re adéqua­te. Dans de tel­les situa­ti­ons, la pro­tec­tion accor­dée par le droit civil fédé­ral con­ser­ve sa val­eur com­me garan­tie mini­ma­le.

Im kon­kre­ten Fall hat­te der kan­to­na­le Zivil­rich­ter als Vor­in­stanz des­halb zu Recht ange­ord­net, dass ein Fen­ster des auf­ge­stock­ten Nach­bar­ge­bäu­des zuzu­mau­ern war, weil es andern­falls auf­grund der Abstands­vor­schrif­ten das an sich zuläs­si­ge Auf­stocken des Gebäu­des des Klä­gers teil­wei­se ver­hin­dert hät­te.

Zuletzt schützt das BGer das Urteil der Vor­in­stanz auch in Bezug auf ZGB 674 III (rich­ter­li­che Zuspre­chung einer Dienst­bar­keit).

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.