Auf den 1. Mai 2007 trat das Abfall­re­gle­ment der Stadt Bern vom 25. Sep­tem­ber 2005 (AFR) in Kraft. Gestützt dar­auf stell­te die dama­li­ge Abfall­ent­sor­gung der Stadt Bern der Genos­sen­schaft Migros Aare, der Krom­p­holz + Co AG (heu­te: Krom­p­holz AG), der Coop (heu­te: Coop Genos­sen­schaft) sowie der Maga­zi­ne zum Glo­bus AG für den Zeit­raum vom 1. Mai bis 31. Dezem­ber 2007 sowie der Loeb AG für den Zeit­raum vom 1. Mai — 31. Okto­ber 2007 Abfall­grund­ge­büh­ren für ins­ge­samt 23 Lie­gen­schaf­ten in Rech­nung. Dage­gen wehr­ten sich die Betrof­fe­nen.

Die Zustän­dig­keit der Stadt Bern war nicht umstrit­ten. Strei­tig war dage­gen die Bun­des­rechts­kon­for­mi­tät der von den Betrof­fe­nen erho­be­nen Grund­ge­büh­ren inso­weit, als damit auch die Kosten für “die ange­mes­se­ne Abgel­tung für das Weg­räu­men von Sied­lungs­ab­fall aus dem öffent­li­chen Raum durch ande­re städ­ti­sche Stel­len” gedeckt wer­den (Art. 17 Abs. 1 i.V.m. Art. 10 Abs. 1 lit. e AFR). Und in die­sem Zusam­men­hang ins­be­son­de­re um die Kosten für die Rei­ni­gung der Stra­ssen und Grün­an­la­gen von acht­los weg­ge­wor­fe­nem Abfall (sog. “Lit­te­ring”), für die Ent­sor­gung des­sel­ben und für die Ent­sor­gung des in den öffent­li­chen Abfall­ei­mern zurück­ge­las­se­nen Abfalls.

Die Stadt Bern trat im Ver­fah­ren vor BGer als Beschwer­de­füh­re­rin auf, die Beschwer­de wur­de abge­wie­sen.

Im aus­führ­lich begrün­de­ten Ent­scheid nimmt das BGer eine detail­lier­te Ana­ly­se der ver­schie­de­nen Kate­go­ri­en von Abfäl­len vor (vgl. auch USG 31b).

(E. 4.3.2) Die Abfäl­le, deren Inha­ber nicht ermit­telt wer­den kann oder zah­lungs­un­fä­hig ist, bil­den dem­ge­gen­über eine ganz ande­re Grup­pe, die nicht auf Her­kunft oder Zusam­men­set­zung der Abfäl­le abstellt. Alle in USG 31b und USG 31c des Geset­zes genann­ten Abfall­ka­te­go­ri­en (E. 4.3.1) kön­nen in die­sem Sin­ne “her­ren­los” wer­den, wenn sich der Inha­ber ihrer ent­le­digt. Die “her­ren­lo­sen Abfäl­le” sind daher nicht eine beson­de­re Kate­go­rie des glei­chen Typus wie die ande­ren genann­ten Kate­go­ri­en. Viel­mehr über­schnei­det sich das Merk­mal der “Her­ren­lo­sig­keit” zwangs­läu­fig jeweils mit einer die­ser Kate­go­ri­en. Dem­entspre­chend sind auch Ent­sor­gungs- und Kosten­tra­gungs­pflich­ten dif­fe­ren­ziert: Her­ren­lo­se Abfäl­le kön­nen einer­seits Sied­lungs­ab­fäl­le oder Abfäl­le aus dem Unter­halt von Stra­ssen und Abwas­ser­rei­ni­gungs­an­la­gen sein, bezüg­lich wel­cher eine pri­mä­re Ent­sor­gungs­pflicht der Kan­to­ne besteht. Her­ren­los kön­nen aber auch Abfäl­le sein, die an sich vom Inha­ber ent­sorgt wer­den müss­ten, wobei die­ser aber nicht mehr ermit­telt wer­den kann. In die­sem Fall sind zwar nach Art. 31b Abs. 1 Satz 1 USG eben­falls die Kan­to­ne ent­sor­gungs­pflich­tig, doch han­delt es sich dabei um eine sub­si­diä­re Ersatz­vor­nah­me­pflicht anstel­le des pri­mär pflich­ti­gen Inha­bers. Die her­ren­lo­sen Abfäl­le kön­nen somit nicht als eine beson­de­re Abfall­ka­te­go­rie mit ein­heit­li­chem recht­li­chem Schick­sal betrach­tet wer­den.

Mit Blick auf die Kosten­tra­gungs­pflicht hält das BGer wei­ter fest, was folgt.

(E. 4.3.3) USG 32 I, wonach grund­sätz­lich der Inha­ber die Kosten der Ent­sor­gung trägt, ist die Grund­re­gel, USG 32a dem­ge­gen­über eine Son­der­re­gel für die Sied­lungs­ab­fäl­le. USG 32 II ist die Aus­nah­me von der Grund­re­gel (USG 32 I) und daher von vorn­her­ein nicht ein­schlä­gig für die­je­ni­gen Fäl­le, die unter die Son­der­re­gel für Sied­lungs­ab­fäl­le fal­len. Zudem regelt USG 32 I nur eine sub­si­diä­re Kosten­tra­gungs­pflicht, die in den Fäl­len der pri­mä­ren Kosten­tra­gungs­pflicht der Inha­ber zum Tra­gen kommt, wenn die­se die Kosten nicht tra­gen. Dem­ge­mäss kann USG 32 I ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz nicht als umfas­sen­de und vor­ran­gi­ge Kosten­tra­gungs­re­gel für sämt­li­che her­ren­lo­sen Abfäl­le (mit Ein­schluss der her­ren­los gewor­de­nen Sied­lungs­ab­fäl­le) betrach­tet wer­den.

Das BGer kommt sodann zum Zwi­schen­er­geb­nis (E. 4.5),

dass es ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Vor­in­stanz nicht bun­des­rechts­wid­rig ist, wenn die Beschwer­de­füh­re­rin die hier strei­ti­gen Ent­sor­gungs­ko­sten über die geson­der­te Abfall­rech­nung finan­zie­ren und den Ver­ur­sa­chern auf­er­le­gen will. Wird rich­ti­ger­wei­se davon aus­ge­gan­gen, dass die Kosten für die Rei­ni­gung der Stra­ssen und Grün­an­la­gen von acht­los weg­ge­wor­fe­nem Abfall (sog. “Lit­te­ring”), für die Ent­sor­gung des­sel­ben und für die Ent­sor­gung des in den öffent­li­chen Abfall­ei­mern zurück­ge­las­se­nen Abfalls nach den Vor­ga­ben für Sied­lungs­ab­fäl­le im Sin­ne von USG 32a finan­ziert wer­den müs­sen, so ist im Gegen­teil eine sol­che Finan­zie­rung aus all­ge­mei­nen Steu­er­mit­teln (ausser im Fal­le von USG 32 I) grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen und es bleibt hier­für nur die Form von Kau­sal­ab­ga­ben.

Mit Blick auf die Fra­ge, ob die Gebäu­de­ei­gen­tü­mer als Ver­ur­sa­cher für die hier strei­ti­gen Abfäl­le betrach­tet wer­den dür­fen und die Finan­zie­rung derer Ent­sor­gung mit­tels Grund­ge­bühr zuläs­sig ist, hält das BGer u.a. fest, was folgt.

(E. 5.4.4) Im Lich­te die­ser Rechts­la­ge ver­stösst es gegen das Will­kür­ver­bot (BV 9) und gegen USG 32a, die Gebäu­de­ei­gen­tü­mer gene­rell als Ver­ur­sa­cher der im öffent­li­chen Raum ent­sorg­ten Abfäl­le zu betrach­ten. Ein hin­rei­chen­der Zurech­nungs­zu­sam­men­hang zwi­schen Grund­stück­nut­zung und der Ent­sor­gung von Abfall auf öffent­li­chem Grund kann zwar bejaht wer­den in Bezug auf Take-away-Betrie­be und der­glei­chen: Die­se ver­kau­fen Pro­duk­te, die einen hohen Abfall­an­teil ent­hal­ten und bestim­mungs­ge­mäss zu einem gro­ssen Teil im öffent­li­chen Raum kon­su­miert wer­den. Es liegt auf der Hand, dass ein erheb­li­cher Teil des dabei anfal­len­den Abfalls in öffent­li­chen Abfall­ei­mern ent­sorgt oder gelit­tert wird, so dass eine anteil­mä­ssi­ge Kosten­auf­er­le­gung an sol­che Betrie­be zuläs­sig ist, zumal die­se die Kosten auf ihre Kun­den über­wäl­zen kön­nen. […] Eine Inte­gra­ti­on des genann­ten Auf­wan­des für die Abfall­ent­sor­gung auf öffent­li­chem Grund in die von allen Grund­ei­gen­tü­mern bezahl­te Grund­ge­bühr wür­de aber vor­aus­set­zen, dass die­ser Auf­wand nach dem glei­chen Mass­stab bzw. den glei­chen Kri­te­ri­en auf alle Gebäu­de­ei­gen­tü­mer ver­teilt wer­den könn­te wie die Bereit­stel­lungs­ko­sten. Dies ist, was das Ver­hält­nis zwi­schen den Take-away Betrie­ben und den übri­gen Gebäu­de­ei­gen­tü­mern angeht, offen­sicht­lich nicht der Fall.

Michael Fischer

Posted by Michael Fischer