Das BGer hat ent­schie­den, dass ein Kan­ton, der erfolg­los über­nom­me­ne Pro­zess­ko­sten zurück­ver­langt hat, vor BGer nach BGG 89 I im Ver­fah­ren der Beschwer­de in öffent­lich-recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten beschwer­de­le­gi­ti­miert ist. Kon­kret hat­te der Kan­ton GR im Jahr 2011 im Jahr 1998 über­nom­me­ne Ver­fah­rens- und Anwalts­ko­sten zurück­ge­for­dert, doch hat­te das VGer GR den Anspruch als nach ZPO 123 II ver­jährt beur­teilt.

Das BGer fasst zunächst sei­ne Recht­spre­chung zur all­ge­mei­nen Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on des Kan­tons (also ausser­halb von BGG 89 II c) zusam­men:


Legi­ti­ma­ti­on bejaht:

  • Ent­schei­de mit prä­ju­di­zi­el­ler Wir­kung für die öffent­li­che Auf­ga­ben­er­fül­lung
  • Behaup­tung, das kan­to­na­le Regle­ment über die ver­ei­dig­ten Über­set­zer sei geset­zes- bzw. ver­fas­sungs­kon­form
  • Ent­schei­de mit finan­zi­el­ler Aus­wir­kung auf den Kan­ton
  • Kan­ton als Sub­ven­ti­ons­ge­such­stel­ler
  • Kosten­er­satz­pflicht gemäss dem BG über die Zustän­dig­keit für die Unter­stüt­zung Bedürf­ti­ger
  • Berech­ti­gung zur Dritt­aus­zah­lung in der Sozi­al­ver­si­che­rung
  • wenn der Kan­ton mit Bezug auf sein Ver­wal­tungs- oder Finanz­ver­mö­gen wie ein Pri­va­ter betrof­fen ist (zB als Arbeit­ge­ber, bei Staats­haf­tung oder als Schuld­ner einer Ent­eig­nungs­ent­schä­di­gung;
  • wenn zen­tra­le hoheit­li­che Inter­es­sen berührt sind
  • inter­kom­mu­na­ler Finanz­aus­gleich und ähn­li­che Rege­lun­gen
  • Sozi­al­hil­fe­re­ge­lung für Asyl­be­wer­ber
Legi­ti­ma­ti­on ver­neint:
  • wenn der Kan­ton Schuld­ner von Ent­schä­di­gun­gen nach Opfer­hil­fe­ge­setz ist;
  • Fest­le­gung des Steu­er­wohn­sit­zes
  • Befürch­tung, als Fol­ge eines Ent­scheids haft­pflich­tig zu wer­den
  • Kan­ton als Schuld­ner von (kan­to­nal­recht­li­chen) Ergän­zungs­lei­stun­gen tan­giert
  • gegen die Auf­la­ge von Ver­fah­rens­ko­sten bei Beschwer­de­ent­schei­den gegen sei­ne Ver­fü­gun­gen
  • Abschaf­fung der Erb­schafts­steu­er für Nach­kom­men bei strit­ti­ger Aus­le­gung der über­gangs­recht­li­chen Rege­lung
Das BGer hält aber fest, dass der Kan­ton nicht per se bei jeder Betrof­fen­heit in finan­zi­el­len Ange­le­gen­hei­ten beschwer­de­le­gi­ti­miert ist:

2.3 Die in eini­gen Ent­schei­den ver­wen­de­te For­mu­lie­rung, der Kan­ton sei in Bezug auf den Schutz sei­nes Ver­wal­tungs- oder Finanz­ver­mö­gens wie ein Pri­va­ter betrof­fen […], kann nicht so ver­stan­den wer­den, dass die Legi­ti­ma­ti­on des Gemein­we­sens immer schon dann zu beja­hen wäre, wenn ein Ent­scheid Aus­wir­kun­gen auf sein Ver­mö­gen hat […]. Die Fäl­le, in denen die­se For­mu­lie­rung ver­wen­det wur­de, betref­fen Kon­stel­la­tio­nen, in denen es um finan­zi­el­le Lei­stun­gen aus Rechts­ver­hält­nis­sen geht, die zwar öffent­lich-recht­lich gere­gelt sind, aber Ana­lo­gi­en haben zu ent­spre­chen­den pri­vat­recht­li­chen Insti­tu­ten […] Die Fäl­le, in denen dies­be­züg­lich die Legi­ti­ma­ti­on bejaht wur­de […], betref­fen in der Regel Kon­stel­la­tio­nen, in wel­chen es im Grun­de um einen Kon­flikt zwi­schen ver­schie­de­nen Gemein­we­sen geht, die ein­an­der nicht hoheit­lich gegen­über­ste­hen oder in denen ein Gemein­we­sen Adres­sat einer von einem ande­ren Gemein­we­sen getrof­fe­nen Ver­fü­gung ist. In den­je­ni­gen Fäl­len, in denen das Bun­des­ge­richt die Legi­ti­ma­ti­on als Gläu­bi­ger von Kau­salab­ge­ben bejah­te (Urtei­le 2C_444/2008 vom 9. März 2009 E. 1.2; 2C_712/2008 vom 24. Dezem­ber 2008 E. 1.3), ging es nicht bloss um den finan­zi­el­len Ertrag aus der Gebühr, son­dern um die Ver­ant­wor­tung des Gemein­we­sens für die Erstel­lung einer Anla­ge. Ver­neint wird hin­ge­gen die Legi­ti­ma­ti­on, wenn es ein­zig um die finan­zi­el­len Fol­gen der Ver­wal­tungs­tä­tig­keit geht, wel­che das Gemein­we­sen in sei­ner Stel­lung als hoheit­lich ver­fü­gen­de Behör­de tref­fen (Urteil 1C_220/2009 vom 26. April 2010 E. 2.2.2, nicht publ. in: BGE 136 II 204; Urteil 1C_79/2011 vom 10. März 2011 E. 1.4, in: JdT 2011 I S. 39). In sol­chen Fäl­len deckt sich das finan­zi­el­le Inter­es­se des Gemein­we­sens mit der Fra­ge der rich­ti­gen Rechts­an­wen­dung, was zur Legi­ti­ma­ti­on nicht genügt.

Im vor­lie­gen­den Fall führt dies zur Ver­nei­nung der Beschwer­de­le­gi­ti­ma­ti­on. Die Kon­se­quen­zen des ange­foch­te­nen Ent­scheids beschrän­ken sich hier auf Aus­wir­kun­gen auf die Kan­tons­fi­nan­zen, was eben nicht genügt. Ausser­dem bestehe ein enger Zusam­men­hang mit Gerichts- und Par­tei­ko­sten, zu deren Anfech­tung das Gemein­we­sen nicht legi­ti­miert ist.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.