Das BGer schützt ein Urteil des OGer LU in einer sachen­recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den Eigen­tü­mern benach­bar­ter Ter­ras­sen­häu­ser. Die Beklag­te hat­te auf der Grund­la­ge eines Über­bau­rechts zula­sten der Klä­ger­schaft nicht nur ein über­ra­gen­des Dach, son­dern auch eine Pho­to­vol­ta­ik­an­la­ge errich­tet.

Die Klä­ger stell­ten sich auf den Stand­punkt, dass die Foto­vol­ta­ik­an­la­ge anders als das Dach nicht unter den Begriff “Bau­ten und ande­re Vor­rich­tun­gen” nach ZGB 674 fal­le. Eine Foto­vol­ta­ik­an­la­ge habe sodann, im Gegen­satz zu Zie­geln, weder eine Dach­funk­ti­on noch bil­de sie eine kon­struk­ti­ve Ein­heit mit dem Dach. 

Das BGer weist die­sen Ein­wand prin­zi­pi­ell zurück. Die zuläs­si­ge Dach­ge­stal­tung fol­ge nicht aus dem Begriff “Bau­ten oder ande­re Vor­rich­tun­gen”, son­dern aus der aus­zu­le­gen­den Dienst­bar­keit (ZGB 738) Nur wenn die Aus­le­gung ergibt,

dass die kon­kre­te Dach­ge­stal­tung nicht von der Dienst­bar­keit erfasst wird, ist zu prü­fen, ob ein eigent­li­cher Anbau an den Über­bau vor­liegt, der allen­falls wie­der­um Art. 674 ZGB unter­stün­de, oder ob es sich um eine beweg­li­che Sache am Über­bau han­delt, auf die Art. 674 ZGB nicht anwend­bar ist und die auf Ver­lan­gen des Nach­barn zu besei­ti­gen ist, sofern der Nach­bar nicht auf­grund eines ander­wei­ti­gen Rechts zu ihrer Dul­dung ver­pflich­tet ist.

Das BGer nimmt in der Fol­ge eine aus­führ­li­che Aus­le­gung der Dienst­bar­keit vor. Im Ergeb­nis bestä­tigt es die Aus­le­gung durch das OGer LU:

[…] aus dem Ein­trag im Grund­buch erge­be sich nichts und der Inhalt der Dienst­bar­keit sei nach dem Erwerbs­grund zu bestim­men […] Sinn des Über­bau­rechts sei, dem berech­tig­ten Grund­stück das Eigen­tum an den (über­ra­gen­den) Wohn­ge­schos­sen mit Dach ein­zu­räu­men […]. Die Dienst­bar­keit ermög­li­che hin­ge­gen kei­ne eigent­li­chen Aus­bau­ten wie etwa die Errich­tung eines zusätz­li­chen Geschos­ses. Über die Dach­ge­stal­tung kön­ne dem Wort­laut des Dienst­bar­keits­ver­tra­ges aller­dings nichts ent­nom­men wer­den. Dies sei denn auch in erster Linie Sache des öffent­li­chen Bau­rechts. Der Dienst­bar­keits­be­rech­tig­te sei somit bei der Dach­ge­stal­tung im Rah­men der gel­ten­den öffent­lich-recht­li­chen Bau- und Nut­zungs­vor­schrif­ten sowie im Rah­men der nicht exzes­si­ven Aus­übung der Dienst­bar­keit frei. Er kön­ne auf dem Dach Vor­rich­tun­gen anbrin­gen, die die­se Vor­aus­set­zun­gen erfüll­ten, auch wenn eine Vor­rich­tung — wie die frag­li­che Solar­an­la­ge — objek­tiv kei­nen not­wen­di­gen Bestand­teil des Daches dar­stel­le. Jede Aus­le­gung habe sich am ver­nünf­ti­gen Resul­tat zu ori­en­tie­ren, wes­halb auch der Zweck der Dienst­bar­keit zu berück­sich­ti­gen sei. Bei deren Begrün­dung sei nicht an die Foto­vol­ta­ik gedacht wor­den. Selbst wenn der Auf­bau einer fla­chen Solar­an­la­ge auf dem Dach der Beschwer­de­geg­ner zu einer gewis­sen Mehr­be­la­stung füh­ren wür­de, müss­te dies von den Berech­tig­ten (rec­te: Bela­ste­ten) gedul­det wer­den. Die Ver­än­de­rung der Dach­ge­stal­tung durch Anbrin­gen einer Solar­an­la­ge beinhal­te kei­ne Ände­rung des bis­he­ri­gen Zwecks der Dienst­bar­keit, son­dern erge­be sich viel­mehr aus der Ent­wick­lung der Tech­nik. […] An der ver­wie­se­nen Stel­le hat das Amts­ge­richt unter ande­rem fest­ge­stellt, bei der Foto­vol­ta­ik­an­la­ge hand­le es sich um fla­che Solar­plat­ten, die auf dem Dach ange­bracht wor­den sei­en. Die Cha­rak­te­ri­stik des Daches wer­de durch die Foto­vol­ta­ik­an­la­ge nicht ent­schei­dend ver­än­dert. Alles in allem sei fest­zu­hal­ten, dass die Beschwer­de­füh­rer durch die Foto­vol­ta­ik­an­la­ge kei­nen beach­tens­wer­ten Nach­teil erlit­ten […].

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.