Zwi­schen dem Flug­zeug­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men ISS Avia­ti­on AG und dem VPOD bestehen zwei GAV, für fest­an­ge­stell­tes Per­so­nal und für Hilfs­per­so­nal im Stun­den­lohn. Danach sind Mit­ar­bei­ter mit einem Beschäf­ti­gungs­grad von 50% oder mehr fest und nicht im Stun­den­lohn anzu­stel­len.

Auf Kla­ge einer Arbeit­neh­me­rin hin hat­te das BGer den GAV aus­zu­le­gen. Die Aus­le­gung eines GAV folgt den Regeln der Geset­zes­aus­le­gung. Der Wort­laut des GAV für Fest­an­ge­stell­te deu­te­te klar dar­auf hin, dass der Beschäf­ti­gungs­grad das ein­zi­ge Kri­te­ri­um war, Arbeit­neh­mer dem einen oder dem ande­ren der GAV zuzu­ord­nen. Da kei­ne Hin­wei­se dar­auf bestan­den, dass die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis nicht dem Wil­len der Ver­trags­par­tei­en ent­sprach, blieb es dabei. 

Die kla­gen­de Arbeit­neh­me­rin war zwar nicht Mit­glied des VPOD. Der GAV ent­hielt aber eine Gleich­be­hand­lungs­klau­sel zugun­sten des gesam­ten Per­so­nals von ISS Avia­ti­on (“Aus­deh­nungs­klau­sel”). Die­se ist recht­lich ein Ver­trag zugun­sten Drit­ter. In der Regel han­delt es sich dabei aber um einen unech­ten Ver­trag zugun­sten Drit­ter, d.h. ohne Kla­ge­recht des begün­stig­ten Drit­ten (vgl. OR 111 II). Es ist aber nicht aus­ge­schlos­sen, dass eine Aus­deh­nungs­klau­sel dem Drit­ten ein eige­nes Kla­ge­recht ein­räumt. Ob dies der Fall ist, muss durch Aus­le­gung ent­schie­den wer­den.

Im vor­lie­gen­den Fall schloss das BGer aus dem Wort­laut des GAV, dass die Par­tei­en Gewerk­schafts­mit­glie­der und -nicht­mit­glie­der in jeder Hin­sicht gleich behan­deln woll­ten, wes­halb die Aus­deh­nungs­klau­sel als ech­ter Ver­trag zugun­sten Drit­ter zu beur­tei­len war:

Enfin, l’art. 14 al. 2 CCT pré­voit que la con­ven­ti­on et ses anne­xes font par­tie inté­gran­te du cont­rat de tra­vail. Il faut y voir la volon­té des par­ties à la con­ven­ti­on collec­tive de n’opérer aucu­ne distinc­tion ent­re tra­vail­leurs syn­di­qués et non syn­di­qués et, en par­ti­cu­lier, de leur accor­der les mêmes droits. Il s’ensuit que la clau­se d’égalité de trai­te­ment figu­rant dans la CCT pour le per­son­nel men­sua­li­sé doit être inter­pré­tée com­me une sti­pu­la­ti­on pour autrui par­fai­te en faveur des tra­vail­leurs non syn­di­qués qui rem­plis­sent les con­di­ti­ons per­son­nel­les mises à l’application de la con­ven­ti­on.

Vgl. die Medi­en­mit­tei­lung des VPOD.

David Vasella

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RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.