Mit Entscheid 4A_669/2012 vom 17. April 2013 hob das Bun­des­gericht einen Schiedsspruch wegen Ver­let­zung des rechtlichen Gehörs nach Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG auf.

Das Bun­des­gericht erk­lärte ein­lei­t­end, dass sich aus dem Grund­satz des rechtlichen Gehörs im kon­tradik­torischen Ver­fahren nach Art. 190 Abs. 2 lit. d IPRG zwar kein Anspruch auf Begrün­dung eines inter­na­tionalen Schiedsspruchs ergebe, doch könne daraus eine min­i­male Pflicht des Schieds­gerichts abgeleit­et wer­den, die entschei­der­he­blichen Fra­gen kurz zu behan­deln. Diese Pflicht sei ver­let­zt, wenn das Schieds­gericht wegen eines Verse­hens oder eines Missver­ständ­niss­es entschei­der­he­bliche, von ein­er Partei beige­brachte Argu­mente, Beweise und Beweisanträge unberück­sichtigt lasse. Erge­he ein Schiedsspruch unter völ­liger Nicht­beach­tung der  für den Aus­gang des Stre­its offen­bar wichti­gen Fra­gen, obliege es dem Schieds­gericht, die Unter­las­sung in sein­er Stel­lung­nahme zur Beschw­erde zu recht­fer­ti­gen.

Vor Bun­des­gericht stellte die Beschw­erde­führerin nicht in Abrede, dass sie die zwis­chen den Parteien getrof­fene Rah­men­vere­in­barung ver­let­zt hat­te. Strit­tig war jedoch die Höhe des ent­gan­genen Gewinns, den der Einzelschied­srichter der Beschw­erdegeg­ner­in im Schiedsver­fahren zuge­sprochen hat­te. Die Beschw­erde­führerin bean­standete die Art und Weise, wie der Einzelschied­srichter den ent­gan­genen Gewinn berech­net hat­te. Die Beschw­erde­führerin war der Ansicht, dass der Einzelschied­srichter bei der Berech­nung des ent­gan­genen Gewinns vier von ihm vorge­brachte Argu­mente nicht berück­sichtigt habe.

Das erste Argu­ment betraf den Anschaf­fung­spreis für die stre­it­be­trof­fe­nen Nick­el­pro­duk­te. Die Beschw­erde­führerin bean­standete, dass der Einzelschied­srichter bei der Berech­nung des ent­gan­genen Gewinns  den von der Beschw­erdegeg­ner­in gel­tend gemacht­en Wiederverkauf­spreis zwar als zu hoch erachtet und diesen in der Folge her­abge­set­zt hat­te, doch dabei die von ihr gel­tend gemacht­en Anschaf­fungskosten nicht berück­sichtigt hat­te. Das Bun­des­gericht teilte die Auf­fas­sung, dass der Einzelschied­srichter bei der Berech­nung des ent­gan­genen Gewinns die Prob­lematik der Anrech­nung der Anschaf­fungskosten an den Wiederverkauf­spreis ohne jegliche Erk­lärung oder Recht­fer­ti­gung unberück­sichtigt gelassen habe, weshalb das rechtliche Gehör der Beschw­erde­führerin ver­let­zt wor­den sei (E. 3.2.1):

[…] la prob­lé­ma­tique de l’imputation des frais d’acquisition de
ces pro­duits ne paraît pas avoir retenu son atten­tion. Du moins n’a-t-il pas fourni une quel­conque expli­ca­tion dont on puisse infér­er le motif qui l’a con­duit à pass­er cette prob­lé­ma­tique sous silence. En défini­tive, la recourante se plaint à juste titre d’une vio­la­tion de son droit d’être enten­due sur ce point.

Die anderen drei von der Beschw­erde­führerin vorge­bracht­en Argu­mente wies das Bun­des­gericht ab. Das Bun­des­gericht hob in der Folge den Schiedsspruch voll­ständig auf, da die Voraus­set­zung für eine teil­weise Aufhe­bung eines Schiedsspruchs nicht erfüllt war. Es erk­lärte aber, dass im neuen Schiedsspruch nur die Frage nach der Anrech­nung der Anschaf­fungskosten beurteilt werde dürfe, weil die Beschw­erde nur in diesem Punkt gut­ge­heis­sen wor­den sei (E. 3.3):

Jurispru­dence et doc­trine admet­tent la pos­si­bil­ité d’une annu­la­tion par­tielle, nonob­stant le car­ac­tère cas­satoire du recours dirigé con­tre une sen­tence arbi­trale inter­na­tionale (cf. l’art. 77 al. 2 LTF qui exclut l’application de l’art. 107 al. 2 LTF), si l’objet attaqué est indépen­dant des autres (arrêt 4A_360/2011, préc­ité, con­sid. 6.1 et les références). Cette con­di­tion n’est pas réal­isée en l’espèce, dès lors que l’on a affaire à une seule pré­ten­tion litigieuse. Par con­séquent, la sen­tence attaquée sera annulée dans son entier.
Il va néan­moins de soi que, dans la nou­velle sen­tence à ren­dre, seule devra être réex­am­inée la ques­tion à l’égard de laque­lle la recourante a dénon­cé avec suc­cès une vio­la­tion de son droit d’être enten­due.

Michael Feit

Posted by Michael Feit

RA Dr. Michael Feit, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Walder Wyss tätig und auf internationale Schiedsgerichtsbarkeit (Handels- und Investitionsschutzschiedsgerichtsbarkeit) spezialisiert. Er vertritt Parteien sowohl in institutionellen als auch in ad hoc Schiedsverfahren und amtet auch als Schiedsrichter. Bei der Bearbeitung französischsprachiger Bundesgerichtsentscheide wird er von RA David Cuendet (ebenfalls Walder Wyss) unterstützt.