Das BGer fasst im vor­lie­gen­den Urteil die Recht­spre­chung zur Aus­le­gung letzt­wil­li­ger Ver­fü­gun­gen zusam­men:

2.1. […] die eigen­hän­di­ge Form vor allem den Zweck hat, den Wil­len des Erb­las­sers, sei­nen ani­mus testan­di, sicht­bar zu machen, also sei­ne Absicht, über sein Ver­mö­gen für die Zeit nach sei­nem Tod zu ver­fü­gen. Die Erklä­rung die­ses Testier­wil­lens ist eine uner­läss­li­che Vor­aus­set­zung für die Exi­stenz des Testa­ments. Der Wil­le muss aus dem Testa­ment selbst, das heisst aus dem her­vor­ge­hen, was der Erb­las­ser geschrie­ben hat. Sind die schrift­lich fest­ge­hal­te­nen Anord­nun­gen so for­mu­liert, dass sie eben­so gut im einen wie im andern Sinn ver­stan­den wer­den kön­nen, darf der Rich­ter die For­mu­lie­run­gen, derer sich der Erb­las­ser bedient hat, unter Berück­sich­ti­gung des Testa­ments als Gan­zes aus­le­gen […]. Er kann auch ausser­halb der Testa­ments­ur­kun­de lie­gen­de Ele­men­te zur Aus­le­gung her­an­zie­hen, soweit sie den im Text unklar oder unvoll­stän­dig aus­ge­drück­ten Wil­len erhel­len. In glei­cher Wei­se kann er sich auf die all­ge­mei­ne Lebens­er­fah­rung abstüt­zen oder die Ver­fü­gung “in favorem testa­men­ti” aus­le­gen, das heisst von meh­re­ren Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten die­je­ni­ge wäh­len, wel­che die Auf­recht­erhal­tung der Ver­fü­gung ermög­licht […]. Die Aus­le­gung einer Wil­lens­er­klä­rung setzt aber — wie erwähnt — vor­aus, dass ein ani­mus testan­di aus der Ver­fü­gung her­vor­geht. Daher darf durch die Aus­le­gung “nichts in die Ver­fü­gung hin­ein­ge­legt wer­den, was nicht dar­in ent­hal­ten ist” (so Peter Wei­mar, in: […]). In die­sem Sin­ne ist die erwähn­te Recht­spre­chung zu ver­ste­hen, wonach der Rich­ter so genann­te Exter­na nur inso­weit zur Aus­le­gung her­an­zie­hen darf, als sie ihm erlau­ben, eine im Text ent­hal­te­ne Anga­be zu klä­ren oder zu erhär­ten und den Wil­len zu erhel­len, der in der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Form zum Aus­druck kommt […]. Dabei ist gemäss Art. 18 Abs. 1 OR, der bei der Aus­le­gung letzt­wil­li­ger Ver­fü­gun­gen Anwen­dung fin­det (Art. 7 ZGB), der wirk­li­che Wil­le beacht­lich, nicht die unrich­ti­ge Bezeich­nung oder Aus­drucks­wei­se. Wer sich auf einen vom objek­tiv ver­stan­de­nen Sinn und Wort­laut abwei­chen­den Wil­len des Erb­las­sers beruft, ist beweis­pflich­tig und hat ent­spre­chen­de Anhalts­punk­te kon­kret nach­zu­wei­sen […].

Dabei hält das BGer im vor­lie­gen­den Fall — in Bestä­ti­gung der Leh­re — fest, dass jeder Wort­laut immer aus­le­gungs­be­dürf­tig ist:

[…] bedeu­tet nichts ande­res, als dass es eine “an sich” kla­re Erklä­rung nicht geben und der Wort­laut als sol­cher kei­nen selb­stän­di­gen Bestand haben kann. […]. Macht die Aus­le­gung jedoch nicht Halt vor dem (ver­meint­lich) “ein­deu­ti­gen” Wort­laut, so bedeu­tet dies, die Tat­sa­chen und Beweis­mit­tel zu berück­sich­ti­gen, die nicht zum Erklä­rungs­vor­gang als sol­chem gehö­ren, aber doch Schluss­fol­ge­run­gen auf den Wil­len des Erklä­ren­den erlau­ben […].

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.