In die­sem, zur Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Ent­scheid, hat sich das BGer mit der Fra­ge zu befas­sen, ob die Kraft­wer­ke Ober­goms AG (KWOG AG) ein Kraft­werk auf dem Gemein­de­ge­biet von Ober­goms errich­ten darf. Im Jahr 2009 erteil­te der Gemein­de­rat Ober­goms der KWOG AG eine Was­ser­rechts­kon­zes­si­on für den Bau eines Was­ser­kraft­werks mit einer Brut­to­l­ei­stung von 4,3 MW. Gegen die­sen Ent­scheid gelang­ten der WWF Schweiz und zwei wei­te­re Beschwer­de­füh­rer an das BGer, wel­ches die Beschwer­de teil­wei­se gut­heisst.

Bevor sich das BGer der durch den Staats­rat des Kan­tons Wal­lis vor­ge­nom­me­nen Inter­es­sen­ab­wä­gung wid­met, prüft es, ob das Bau­pro­jekt vom kan­to­na­len Richt­plan hät­te berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Ent­schei­dend sei dies­be­züg­lich, ob ange­sichts der weit­rei­chen­den Aus­wir­kun­gen des Vor­ha­bens eine vor­gän­gi­ge umfas­sen­de Inters­sen­ab­wä­gung not­wen­dig erschei­ne, die nur durch den Pro­zess der Richt­pla­nung garan­tiert wer­den kön­ne. Der Wal­li­ser Richt­plan ent­hal­te ver­schie­de­ne Ansät­ze zur Koor­di­na­ti­on des Baus künf­ti­ger Was­ser­kraft­wer­ke, auch wenn die ein­zel­nen Stand­or­te nicht spe­zi­ell aus­ge­wie­sen wür­den:

Vor die­sem Hin­ter­grund kann nicht davon gespro­chen wer­den, ohne eine ent­spre­chen­de Grund­la­ge im Richt­plan sei der Bau eines Klein­was­ser­kraft­werks von den hier zur Dis­kus­si­on ste­hen­den Dimen­sio­nen nicht mög­lich. […] Die Abstim­mung der zu berück­sich­ti­gen­den räum­li­chen Inter­es­sen erfor­dert kei­ne auf­wen­di­ge Koor­di­na­ti­on, die nur der Pro­zess der Richt­pla­nung gewähr­lei­sten könn­te (E. 2.3.4).

Hin­sicht­lich der im Was­ser­rechts- und Gewäs­ser­schutz­ge­setz vor­ge­se­he­nen Inter­es­sen­ab­wä­gung führt das BGer aus, dass das pro­jek­tier­te Klein­was­ser­kraft­werk der Errei­chung des gesetz­ge­be­ri­schen Ziels die­ne, die Erzeu­gung von Elek­tri­zi­tät aus erneu­er­ba­ren Ener­gi­en zu för­dern. Der Gesetz­ge­ber habe jedoch der erwähn­ten Ziel­vor­ga­be (Erhö­hung der jähr­li­chen Elek­tri­zi­täts­er­zeu­gung aus erneu­er­ba­ren Ener­gi­en bis zum Jahr 2030 gegen­über dem Jahr 2000 um min­de­stens 5’400 GWh) und dem dar­auf gerich­te­ten För­de­rungs­in­stru­men­ta­ri­um (kosten­decken­de Ein­spei­se­ver­gü­tung) kein erhöh­tes Gewicht gegen­über den eben­falls in Ver­fas­sung und Gesetz ver­an­ker­ten Anlie­gen des Umwelt-, Natur- und Land­schafts­schut­zes ver­lie­hen. Bei der in jedem Ein­zel­fall not­wen­di­gen Inter­es­sen­ab­wä­gung soll­ten Kri­te­ri­en wie Lei­stung oder Pro­duk­ti­on sowie die Fähig­keit, zeit­lich fle­xi­bel und markt­ori­en­tiert zu pro­du­zie­ren, berück­sich­tigt wer­den:

Die Strom­pro­duk­ti­on des geplan­ten Kraft­werks beträgt laut den Unter­la­gen der natio­na­len Netz­ge­sell­schaft […] 30.9 GWh pro Kalen­der­jahr, was bei einem durch­schnitt­li­chen schwei­ze­ri­schen Pro-Kopf-Ver­brauch von 7’376 kWh […] den Bedarf von rund 4’200 Per­so­nen deckt […]. Der Bei­trag an die hei­mi­sche Ener­gie­er­zeu­gung ist somit eher gering (E. 8.4.1).

Erschwe­rend kom­me hin­zu, dass sich das geplan­te Kraft­werk in einem Land­schafts­schutz­ge­biet von kan­to­na­ler Bedeu­tung befin­de, wobei der Nut­zungs­plan der Gemein­de Ober­goms das Gebiet als schö­nes, wil­des Alpen­tal mit sehr rei­cher, viel­fäl­ti­ger Tier­welt und inter­es­san­ter Flo­ra bezeich­ne. Zudem wür­de die Rea­li­sie­rung des Pro­jekts die Qua­li­tät der Lebens­räu­me nega­tiv beein­flus­sen, da die natür­li­chen Varia­tio­nen der Was­ser­tie­fen und der Fliess­ge­schwin­dig­kei­ten abnäh­men. Eine Abwä­gung aller erheb­li­chen in Fra­ge ste­hen­den Inter­es­sen für und gegen die Was­ser­ent­nah­me füh­re des­halb zum Ergeb­nis, dass die geplan­te Was­ser­fas­sung einen Land­schafts­ein­griff dar­stel­le, der nicht zu recht­fer­ti­gen sei. 

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.