In Bel­gi­en ist ein Haft­pflicht­pro­zess hän­gig, der zum Gegen­stand hat, ob die SAir­Group und die SAir­Lines (bei­de in Nach­lass-Liqui­da­ti­on) gegen­über der in Kon­kurs gera­te­nen Luft­fahrt­ge­sell­schaft Sabe­na SA scha­den­er­satz­pflich­tig sind. Der Cour d’appel de Bru­xel­les fäll­te einen Vor­ent­scheid, gemäss dem die SAir­Group und die SAir­Lines in Liqui­da­ti­on soli­da­risch ver­ur­teilt wur­den, der Sabe­na-Kon­kurs­mas­se den Betrag von EUR 18’290’800.60 zu bezah­len (nach­fol­gend “bel­gi­sches Urteil”).

Die schwei­ze­ri­sche IPRG-Kon­kurs­mas­se der bel­gi­schen Luft­fahrt­ge­sell­schaft Sabe­na SA (mas­se en fail­li­te ancil­lai­re de Sabe­na SA) bean­trag­te beim Ein­zel­rich­ter des Bezirks­ge­richts Zürich, das bel­gi­sche Urteil sei gestützt auf das LugÜ anzu­er­ken­nen und für voll­streck­bar zu erklä­ren. Der Ein­zel­rich­ter erklär­te eine Dis­po­si­tiv­zif­fer des bel­gi­schen Urteils für voll­streck­bar. Das Ober­ge­richt Zürich bestä­tig­te den Ent­scheid und aner­kann­te zusätz­lich noch zwei ande­re Dis­po­si­tiv­zif­fern. Das Bun­des­ge­richt hob den ober­ge­richt­li­chen Ent­scheid indes­sen auf und wies das Gesuch um Aner­ken­nung und Voll­streck­bar­er­klä­rung ab, soweit dar­auf ein­zu­tre­ten war (Urteil 4A_740/2012 vom 8. Mai 2014, E. 11).

Das Bun­des­ge­richt hat­te die Fra­ge zu beant­wor­ten, ob die vor­lie­gen­de Strei­tig­keit in den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich des LugÜ fällt. Kon­kur­se, Ver­glei­che und ähn­li­che Ver­fah­ren sind gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. b LugÜ vom Anwen­dungs­be­reich des Über­ein­kom­mens aus­ge­nom­men (E. 5). Das Bun­des­ge­richt kam zum Schluss, das bel­gi­sche Urteil fal­le auf­grund die­ser Bestim­mung nicht in den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich des LugÜ (E. 10).

Ent­schei­dend war der Umstand, dass die Sabe­na ihre Ansprü­che in Bel­gi­en erst­mals zu einem Zeit­punkt gel­tend mach­te, als sich die SAir­Group und die SAir­Lines bereits in einem schwei­ze­ri­schen Nach­lass­ver­fah­ren befan­den, wobei das Bun­des­ge­richt auf die Nach­lass­stun­dung und nicht erst die Bestä­ti­gung der Liqui­da­ti­ons­ver­glei­che abstell­te (E. 9.2). Gemäss Bun­des­ge­richt konn­te des­halb für die Sabe­na im Zeit­punkt der Anhän­gig­ma­chung ihres Begeh­rens kei­nen Zwei­fel dar­an bestan­den haben, dass sie ein bel­gi­sches Urteil aus­schliess­lich im Nach­lass­ver­fah­ren über die SAir­Group und die SAir­Lines voll­strecken kann (E. 9.3). Das Kla­ge­ziel habe für die Sabe­na nur dar­in bestan­den, statt im Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fah­ren am schwei­ze­ri­schen Voll­streckungs­ort in einem Zivil­ver­fah­ren vor bel­gi­schen Gerich­ten zu pro­zes­sie­ren (E. 9.3 und 9.4). Auf­grund die­ses funk­tio­na­len Zusam­men­hangs zwi­schen der bel­gi­schen Zivil­kla­ge und dem schwei­ze­ri­schen Nach­lass­ver­fah­ren fiel die Streit­sa­che nicht unter das LugÜ (E. 9.4).

Wel­che Wir­kun­gen ein aus­län­di­sches Zivil­ur­teil gegen­über einer Kon­kurs­mas­se in der Schweiz respek­ti­ve den ande­ren Gläu­bi­gern im All­ge­mei­nen ent­fal­tet, das im schwei­ze­ri­schen Kol­lo­ka­ti­ons­pro­zess vor­ge­legt wird, liess das Bun­des­ge­richt nach aus­führ­li­chen Erwä­gun­gen aus­drück­lich offen (vgl. E. 6–8).

Roland Bachmann

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Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).