Das BGer hat­te vor­lie­gend zu ent­schei­den, ob die Erwer­be­rin eines Occa­si­ons­wa­gens der obe­ren Mit­tel­klas­se (BMW 520d Tou­ring mit Zube­hör im Wert von ca. CHF 90’000) beim Erwerb die gebo­te­ne Sorg­falt ver­letzt hat­te und sich des­halb nicht auf die Ver­mu­tung des guten Glau­bens beru­fen kann.

Die ursprüng­li­che Eigen­tü­me­rin des Wagens, eine Lea­sing­ge­sell­schaft, ver­lea­ste den Wagen an den spä­te­ren Ver­käu­fer, mit dem Ver­merk “Hal­ter­wech­sel gesperrt” (eCode 178). Der Ver­käu­fer fälsch­te anschlie­ssend eine Erklä­rung der ursprüng­li­chen Eigen­tü­me­rin, wonach der Wagen abbe­zahlt sei. Mit die­ser Erklä­rung wur­de ein neue Fahr­zeug­aus­weis ohne den Ver­merk aus­ge­stellt. Damit konn­te der Ver­käu­fer den Wagen wei­ter­ver­kau­fen. Bei der fol­gen­den Ummel­dung des Wagens wur­de der Fahr­zeug­aus­weis aller­dings ein­be­hal­ten. In der Fol­ge klag­te die Erwer­be­rin des Wagens gegen die Lea­sing­ge­sell­schaft auf Fest­stel­lung ihres unbe­la­ste­ten Eigen­tums.

Das HGer ZH hat­te fest­ge­stellt, dass Anlass zu Miss­trau­en und damit eine Abklä­rungs- bzw. Erkun­di­gungs­pflicht beim Kauf des
Occa­si­ons­fahr­zeugs hin­sicht­lich der Ver­fü­gungs­be­rech­ti­gung bestan­den habe. Ins­be­son­de­re der rela­tiv nied­ri­ge Preis von CHF 48’000 und die in kur­zer Zeit erfolg­ten meh­re­ren Hand­wech­sel
(Inver­kehr­set­zung 6. Janu­ar 2011, Ein­schrei­bung des Ver­käu­fers als Fahr­zeug­hal­ter 22. Juli 2011, Ver­kauf 4. August 2011) hät­ten die Erwer­be­rin zu Nach­for­schun­gen ver­an­las­sen müs­sen.

Das BGer fasst zunächst in recht­li­cher Hin­sicht sei­ne bestehen­de Recht­spre­chung zusam­men:

Für den Erwer­ber einer Sache besteht kei­ne all­ge­mei­ne Pflicht, sich nach dem Vor­lie­gen der Ver­fü­gungs­macht des Ver­äu­sse­rers zu erkun­di­gen; nur wenn kon­kre­te Ver­dachts­grün­de gege­ben sind, hat er die nähe­ren Umstän­de abzu­klä­ren. Höhe­re Anfor­de­run­gen sind an jene Geschäfts­zwei­ge zu stel­len, die dem Ange­bot von Waren zwei­fel­haf­ter Her­kunft und folg­lich mit Rechts­män­geln behaf­te­ter Sachen in beson­de­rem Mas­se aus­ge­setzt sind, wie es beim Han­del mit Gebraucht­wa­ren aller Art der Fall ist. Auch wenn damit kei­ne gene­rel­le Erkun­di­gungs­pflicht sta­tu­iert wird, ergibt sich in die­sen Fäl­len eine Abklä­rungs- bzw. Erkun­di­gungs­pflicht hin­sicht­lich der Ver­fü­gungs­be­rech­ti­gung des Ver­äu­sse­rers nicht erst bei kon­kre­tem Ver­dacht des Rechts­man­gels, son­dern bereits, wenn auf­grund der Umstän­de Anlass zu Miss­trau­en besteht. Die­se erhöh­ten Sorg­falts­an­for­de­run­gen beschrän­ken sich nicht auf den Händ­ler im kauf­män­ni­schen Ver­kehr; ent­schei­dend ist viel­mehr die Bran­chen­ver­traut­heit des Erwer­bers […]. Zu den Geschäfts­zwei­gen, für die erhöh­te Sorg­falts­pflich­ten gel­ten, gehört der Han­del mit Occa­si­ons­fahr­zeu­gen, wobei die Anfor­de­run­gen, die an die Sorg­falts­pflicht des Händ­lers von Occa­si­ons­au­to­mo­bi­len der Luxus­klas­se gestellt wer­den, beson­ders hoch sin […]. 

Der hier betrof­fe­ne BMW 520d Tou­ring mit einem Neu­preis von ca. CHF 90’000 gehö­re zur obe­ren Mit­tel­klas­se und wei­se mit dem Zube­hör “einen hohen
Attrak­ti­vi­täts­wert” auf. Ins­ge­samt ste­he er der “Luxus­klas­se näher
als der gewöhn­li­chen Mit­tel­klas­se”. Damit durf­te das HGer ZH von einem erhöh­ten Sorg­falts­mas­stab aus­ge­hen.

Sodann befreit das Feh­len des Ver­merks “Hal­ter­wech­sel ver­bo­ten” nicht von den erfor­der­li­chen Abklä­run­gen, wie das BGer bereits frü­her fest­ge­hal­ten hat. In die­ser Hin­sicht hält das BGer aber fest, dass eine Erkun­di­gung beim Ver­kehrs­amt für die erfor­der­li­chen Abklä­run­gen objek­tiv
geeig­net wäre.

Ins­ge­samt schützt das BGer den Ent­scheid des HGer ZH und greift in des­sen Ermes­sen nicht ein. 

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.