In die­sem Ent­scheid vom 11. April 2014 befasst sich das BGer mit der Trag­wei­te von Art. 25a VwVG. Mit Ver­fü­gung vom 1. April 2011 wur­de die BKW Ener­gie AG, wel­che das Kern­kraft­werk Müh­le­berg betreibt, vom Eid­ge­nös­si­schen Nukle­ar­si­cher­heits­in­spek­to­rat (ENSI) ange­wie­sen, den Nach­weis für die Beherr­schung des 10’000-jährlichen Hoch­was­sers zu füh­ren. Zum von der BKW Ener­gie AG ein­ge­reich­ten Nach­weis ver­fass­te das ENSI eine als Akten­no­tiz bezeich­ne­te Stel­lung­nah­me. Die­se Akten­no­tiz ver­an­lass­te sowohl A. als auch B. dazu, dem ENSI eine Miss­ach­tung der grund­le­gen­den Prin­zi­pi­en der nuklea­ren Sicher­heit vor­zu­wer­fen. Da das ENSI die­se Auf­fas­sung nicht teil­te, bean­trag­ten A. und B. den Erlass einer Ver­fü­gung über Realak­te i.S.v. Art. 25a VwVG. Das ENSI trat jedoch auf die­ses Begeh­ren nicht ein mit der Begrün­dung, dass die Gesuch­stel­ler nicht plau­si­bel dar­ge­legt hät­ten, inwie­fern sie in eige­nen Rechts­po­si­tio­nen berührt wer­den und dass die­ses Berührt­sein von einer gewis­sen Inten­si­tät sei. Das BVGer wie­der­um stüt­ze die Ansicht der Gesuch­stel­ler. Gegen die­sen Ent­scheid gelang­te das ENSI an das BGer, wel­ches die Beschwer­de abweist.

Zunächst klärt das BGer den Begriff des streit­la­gen­spe­zi­fi­schen Rechts­schutz­in­ter­es­ses, wel­ches von Art. 25a VwVG über ein sub­jekt­be­zo­ge­nes und akt­be­zo­ge­nes Kri­te­ri­um defi­niert wer­de. Mit dem sub­jekt­be­zo­ge­nen Kri­te­ri­um meint das BGer das schutz­wür­di­ge Inter­es­se, wel­ches die gesuch­stel­len­de Per­son an einer Ver­fü­gung über einen Realakt auf­wei­sen muss. Die­ses schutz­wür­di­ge Inter­es­se sei dann zu beja­hen, wenn die gesuch­stel­len­de Per­son eine beson­de­re Nähe zum Realakt auf­wei­se, wobei das schutz­wür­di­ge Inter­es­se recht­li­cher oder tat­säch­li­cher Natur sein kön­ne, soweit die gesuch­stel­len­de Per­son an der Rechts­klä­rung mit­tels Ver­fü­gung über den Realakt einen prak­ti­schen Nut­zen habe. Dem­ge­gen­über bezie­he sich das akt­be­zo­ge­ne Kri­te­ri­um auf Rech­te und Pflich­ten, wel­che durch einen Realakt berührt wer­den müs­sen. Dies set­ze nach herr­schen­der Auf­fas­sung einen Ein­griff in die per­sön­li­che Rechts­sphä­re der betrof­fe­nen Per­son vor­aus. Im Kon­text von Art. 25a VwVG ergä­ben sich schüt­zens­wer­te Rechts­po­si­tio­nen vor allem aus Grund­rech­ten, wobei auch recht­lich geschütz­te Inter­es­sen aus ande­ren Rechts­ti­teln ein­zu­be­zie­hen sei­en.

In einem wei­te­ren Schritt wen­det das BGer die theo­re­ti­schen Aus­füh­run­gen auf den kon­kre­ten Sach­ver­halt an: 

Bei Bau und Betrieb von Kern­kraft­wer­ken ist nach kon­stan­ter Recht­spre­chung für die Beur­tei­lung der Schutz­wür­dig­keit vom Gefähr­dungs­po­ten­ti­al aus­zu­ge­hen, das theo­re­tisch mit einer sol­chen Anla­ge ver­bun­den ist […]. Jeder­mann, der inner­halb eines Bereichs lebt, der von einem Stör­fall beson­ders betrof­fen wäre […], hat ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se dar­an, dass der Eigen­art und der Grö­sse der Gefahr ange­mes­se­ne und geeig­ne­te Schutz­mass­nah­men ergrif­fen wer­den […]. Legi­ti­ma­ti­ons­grund ist damit die Risi­ko­ex­po­si­ti­on der Anwoh­ner gegen­über einem beson­de­ren Gefah­ren­herd […], d.h. der Umstand, dass sie einer Anla­ge mit sehr gro­ssem Gefähr­dungs­po­ten­ti­al aus­ge­setzt und von den mög­li­chen Stör­fall­fol­gen in beson­de­rem Mas­se poten­zi­ell betrof­fen sind […] (E. 4.6). 

Grund­recht­li­che Erwä­gun­gen bestä­ti­gen die­ses Ergeb­nis, wobei mit der Vor­in­stanz nament­lich das Recht auf Leben (Art. 10 Abs. 1 BV) und die per­sön­li­che Frei­heit (Art. 10 Abs. 2 BV) zu erwäh­nen sind. Beson­ders bei moder­nen Tech­no­lo­gi­en mit hohem Gefähr­dungs­po­ten­zi­al wächst das Bedürf­nis nach vor­sor­gen­den Schutz­mass­nah­men des Staa­tes […]. Nach der bun­des­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung begrün­den Grund­rech­te auch eine staat­li­che Schutz­pflicht gegen Gefähr­dun­gen, die von Drit­ten ver­ur­sacht wer­den […]. Die­se Schutz­pflicht kann dabei eben­so wenig wie das Umwelt- und Tech­nik­recht einen abso­lu­ten Schutz gegen jeg­li­che Beein­träch­ti­gun­gen und Risi­ken gewäh­ren […]. Ange­sichts von Schwe­re und Aus­mass mög­li­cher Beein­träch­ti­gun­gen grund­recht­li­cher Schutz­gü­ter genügt im Bereich der fried­li­chen Nut­zung der Kern­ener­gie jedoch bereits eine ent­fern­te Wahr­schein­lich­keit des Scha­dens­ein­tritts, um die Schutz­pflicht des Gesetz­ge­bers kon­kret aus­zu­lö­sen […] (E. 4.8).

Schliess­lich schlägt das BGer den Bogen zu Art. 25a VwVG indem es aus­führt, dass die Bestim­mung eine gericht­li­che Kon­trol­le der rich­ti­gen Anwen­dung des Kern­ener­gie­rechts und damit — zumin­dest mit­tel­bar — die Erfül­lung grund­recht­li­cher Schutz­auf­trä­ge im zen­tra­len Bereich der lau­fen­den Auf­sicht ermög­li­che. Auf die­se Wei­se tra­ge Art. 25a VwVG zu einem wirk­sa­men, dyna­mi­schen Grund­rechts­schutz bei und sei Aus­druck des Auf­trags zu einem gewal­ten­tei­li­gen Zusam­men­wir­ken bei der Grund­rechts­ver­wirk­li­chung (Art. 35 BV).

Das BGer kommt zum Schluss, dass sowohl A. als auch B. ein aus­ge­wie­se­nen Rechts­schutz­in­ter­es­se an der Kon­trol­le der Auf­sichts­tä­tig­keit im Bereich der Sicher­heits­über­prü­fung hät­ten. Der Rechts­schutz bei Dritt­be­schwer­den kön­ne nicht des­we­gen ver­sagt wer­den, weil der zu beur­tei­len­de Stör­fall (10’000-jährliches Hoch­was­ser) nur sel­ten ein­tre­te.

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.