Das BGer hat­te im vor­lie­gen­den Urteil, das zwei Ver­fah­ren ver­ei­nig­te, auf Beschwer­den sowohl von Dani­el Vasel­la und der Novar­tis als auch von Erwin Kess­ler und dem VgT meh­re­re Aus­sa­gen von Kessler/dem VgT unter per­sön­lich­keits­recht­li­cher Gesichts­punk­ten zu beur­tei­len. Es han­del­te sich dabei um die Aus­drücke “Miss­hand­lun­gen von Ver­suchs­tie­ren”, “Tier­quä­ler” und “Mas­sen­ver­bre­chen an (Ver­suchs-) Tie­ren”.

Für die­se Beur­tei­lung ist zunächst der ange­spro­che­ne Durch­schnitts­le­ser zu bestim­men. Vor­lie­gend war dies nicht eine tier­schutz­in­ter­es­sier­te, Kessler/dem VgT nahe­ste­hen­de Per­son. Viel­mehr stan­den die frag­li­chen Aus­drücke im Kon­text von Jour­na­li­sten­an­fra­gen. Zudem waren sie auf dem Inter­net publi­ziert wor­den. Im Ergeb­nis war der Durch­schnitts­le­ser eine Per­son aus der Öffent­lich­keit, die jedoch aktiv zu den frag­li­chen Infor­ma­tio­nen gelan­gen muss­te und von den frag­li­chen Aus­sa­gen daher nicht völ­lig unver­mit­telt getrof­fen wer­den konn­te.

Das BGer hielt sodann Fol­gen­des fest: 

  • Es ist bekannt, dass Fra­gen des Tier­schut­zes oft­mals emo­tio­nal geführt wer­den. Das Publi­kum rech­net mit Über­trei­bun­gen und schar­fen For­mu­lie­run­gen, umso mehr, als Kessler/der Vgt “als Ver­tre­ter des mili­tan­ten Tier­schut­zes bekannt sind” und dass sie sich “an der Dis­kus­si­on über Tier­ver­su­che nicht nur emo­tio­nal, son­dern häu­fig auch in pro­vo­ka­ti­ver und pole­mi­scher Wei­se […] betei­li­gen”. 
  • Ein Durch­schnitts­le­ser kann daher Über­trei­bun­gen und Pole­mik als sol­che erken­nen. Selbst wenn jemand Kessler/den VgT nicht schon kann­te, ergibt sich deren Ein­stel­lung deut­lich aus der Web­site des VgT und dem frag­li­chen Arti­kel.
  • Es ist dem Durch­schnitts­le­ser erkenn­bar, dass Vasella/Novartis stell­ver­tre­tend für die gesam­te Indu­strie ste­hen sol­len.

Vor die­sem Hin­ter­grund sind aus Sicht des BGer daher fol­gen­de Aus­drücke nicht per­sön­lich­keits­ver­let­zend:

  • Tier­quä­ler” und “Miss­hand­lun­gen von Ver­suchs­tie­ren”; mit einer recht gewun­de­nen Begrün­dung, die aber wohl dar­auf hin­aus­läuft, dass die Aus­drücke “Tier­quä­ler” und “Miss­hand­lun­gen von Ver­suchs­tie­ren” zwar “pro­vo­kant” sein mögen, dass der Durch­schnitts­le­ser aber wis­se, dass die­se Aus­drücke vor dem Hin­ter­grund der bekann­ten bzw. erkenn­ba­ren Welt­an­schau­ung der Beklag­ten zu wür­di­gen sind;
  • Mas­sen­ver­bre­chen an (Ver­suchs-) Tie­ren”: Dabei hand­le es sich um ein gemisch­tes Wert­ur­teil mit dem Tat­sa­chen­kern der Durch­füh­rung von Tier­ver­su­chen. Auch hier hand­le es sich aus Sicht des Durch­schnitts­le­sers um eine “pro­vo­kan­te Qua­li­fi­zie­rung von (lega­len) Tier­ver­su­chen, die die erkenn­ba­re ethi­sche und poli­ti­sche Auf­fas­sung der Beklag­ten wider­spie­gelt”.

Im Ergeb­nis sind die Anwür­fe von Kessler/dem VgT also gera­de des­halb als nicht ehr­ver­let­zend beur­teilt wor­den, weil sie der­art über’s Ziel hin­aus­schie­ssen, dass dem Durch­schnitts­le­ser die dahin­ter­ste­hen­de “ethi­sche und poli­ti­sche Auf­fas­sung” nicht ver­bor­gen blei­ben kann. 

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.