Im Urteil vom 14. August 2014 setzt sich das BGer mit der Fra­ge aus­ein­an­der, ob für die Errich­tung eines Ein­fa­mi­li­en­hau­ses mit Gara­ge auf einem Bau­grund­stück, wel­ches zur Hälf­te auf soge­nann­tem Kon­zes­si­ons­land (kon­zes­sio­nier­te Land­an­la­ge) liegt, eine Aus­nah­me­be­wil­li­gung im Gewäs­ser­raum erteilt wer­den kann. Im April 2012 erteil­ten die Behör­den des Kan­tons Zürich die bau­recht­li­che Bewil­li­gung sowie die kon­zes­si­ons- und gewäs­ser­schutz­recht­li­che Bewil­li­gung für das Bau­vor­ha­ben. Nach­dem das Bau­re­kurs­ge­richt einen Rekurs des Schwei­zer Hei­mat­schut­zes und der Zür­che­ri­schen Ver­ei­ni­gung für Hei­mat­schutz stütz­te, gelang­te die Bau­herr­schaft an das BGer, wel­ches die Beschwer­de gut­hiess.

Zunächst führt das BGer aus, wie­so das geplan­te Ein­fa­mi­li­en­haus auf eine Aus­nah­me­be­wil­li­gung im Gewäs­ser­raum ange­wie­sen sei. Gemäss Art. 41c Abs. 1 GschV dür­fen im Gewäs­ser­raum nur stand­ort­ge­bun­de­ne, im öffent­li­chen Inter­es­se lie­gen­de Anla­gen wie Fuss- und Wan­der­we­ge, Fluss­kraft­wer­ke oder Brücken erstellt wer­den, wobei die Behör­de in dicht über­bau­ten Gebie­ten für zonen­kon­for­me Anla­gen Aus­nah­men bewil­li­gen kann, soweit kei­ne über­wie­gen­den Inter­es­sen gegen­über­ste­hen.

Zur Klä­rung der Fra­ge, ob es sich beim ent­spre­chen­den Perim­ter um “dicht über­bau­tes Gebiet” im Sin­ne der GschV hand­le, stützt sich das BGer auf das Merk­blatt Gewäs­ser­raum im Sied­lungs­ge­biet des Bun­des­am­tes für Raum­ent­wick­lung (ARE) und des Bun­des­am­tes für Umwelt (BAFU). Gemäss Merk­blatt sind bei der Eva­lu­ie­rung die fol­gen­den Punk­te zu berück­sich­ti­gen:

  • Zen­trums- oder Kern­zo­ne, Ent­wick­lungs­schwer­punkt;
  • Bedeu­ten­de Grün­räu­me, Gewäs­ser­ab­schnit­te mit öko­lo­gi­scher oder land­schaft­li­cher Bedeu­tung;
  • Bebau­bar­keit und Par­zel­len­flä­che;
  • Bau­li­che Nut­zung in der Umge­bung;
  • Nähe zu öffent­li­chen Anla­gen an Gewäs­sern;
  • Gewäs­ser­zu­stand und -grö­sse.

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Punk­te kommt das BGer zum Schluss, dass sich das Bau­grund­stück des gepla­ten Ein­fa­mi­li­en­hau­ses in dicht über­bau­tem Gebiet befin­de:

Für die Qua­li­fi­ka­ti­on als “dicht über­bau­tes Gebiet” genügt es […] nicht, dass ein Fliess­ge­wäs­ser oder See­ufer ver­baut ist und die Auf­wer­tungs­mög­lich­kei­ten im frag­li­chen Abschnitt beschränkt sind: Der Gewäs­ser­raum soll den Raum­be­darf des Gewäs­sers lang­fri­stig sichern und ist grund­sätz­lich unab­hän­gig vom Bestehen kon­kre­ter Revi­ta­li­sie­rungs- oder Hoch­was­ser­schutz­pro­jek­te aus­zu­schei­den bzw. frei­zu­hal­ten […].

Im vor­lie­gen­den Fall lie­gen die strei­ti­gen Bau­par­zel­len nicht peri­pher, son­dern im Haupt­sied­lungs­ge­biet der Agglo­me­ra­ti­on am lin­ken Zürich­see­ufer. Der frag­li­che Abschnitt des Zürich­sees ist nicht nur durch eine Ufer­mau­er hart ver­baut, son­dern zusätz­lich mit Boots- und Bade­häu­sern in dich­ter Fol­ge über­stellt. Rich­tet man den Fokus in erster Linie auf das Ufer und nicht auf das Hin­ter­land, ist daher grund­sätz­lich von einem dicht über­bau­ten Gebiet aus­zu­ge­hen (E. 5.4).

Sodann prüft das BGer, ob der Ertei­lung einer Aus­nah­me­be­wil­li­gung ein über­wie­gen­des öffent­li­ches Inter­es­se ent­ge­gen­ste­he. Da es der Bau­di­rek­ti­on in erster Linie dar­um gehe, eine locke­re Über­bau­ung der ersten Bau­tie­fe sicher­zu­stel­len, um zwi­schen den Bau­ten Ufer­ve­ge­ta­ti­on zu erhal­ten und eine Quer­ver­zah­nung des Ufer­be­reichs mit dem Hin­ter­land zu errei­chen, sei ein voll­stän­di­ges Ver­bot von Bau­ten im Gewäs­ser­raum nicht nötig. Den genann­ten Anlie­gen kön­ne mit Auf­la­gen und Bedin­gun­gen Rech­nung getra­gen wer­den, indem die Aus­nah­me­be­wil­li­gung nur für land­schafts­ver­träg­li­che Bau­vor­ha­ben gewährt wer­de, mit Auf­la­gen zur Sicher­stel­lung des Zugangs der Öffent­lich­keit und einer natur­na­hen Bepflan­zung.

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.