Ein Ange­stell­ter der SBB (Beschwer­de­füh­rer) erhielt für sei­ne Toch­ter aus zwei­ter Ehe Fami­li­en­zu­la­gen. Das erste Kind des Ange­stell­ten leb­te nicht in sei­nem Haus­halt. Die SBB setz­te den Anspruch ver­fü­gungs­wei­se auf monat­lich CHF 205 fest (pro Jahr CHF 2’460). Der Beschwer­de­füh­rer ver­lang­te indes­sen CHF 320 pro Monat (pro Jahr CHF 3’840).

Der Kon­zern­rechts­dienst bestä­tig­te die Ver­fü­gung. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wies die dage­gen erho­be­ne Beschwer­de ab. Das Bun­des­ge­richt hob indes­sen den Ent­scheid des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts und den SBB wie­der auf (Urteil 8C_289/2014 vom 18. August 2014).

Zu ent­schei­den war eine per­so­nal­recht­li­che Strei­tig­keit. Der Anspruch auf Fami­li­en­zu­la­ge stütz­te sich nicht direkt auf das Bun­des­ge­setz über die Fami­li­en­zu­la­gen (FamZG), wes­halb kei­ne sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­che Fra­ge zu beant­wor­ten war (E. 1.1). Der Anspruch stütz­te sich viel­mehr auf Ziff. 103 Abs. 2 des GAV 2011 der SBB. Danach gel­ten fol­gen­de Min­de­st­an­sät­ze: a. für ein zula­gen­be­rech­tig­tes Kind CHF 3’840 pro Jahr; b. für jedes wei­te­re zula­gen­be­rech­tig­te Kind bis 16 Jah­re und für erwerbs­un­fä­hi­ge Kin­der CHF 2’460 pro Jahr; c. ab zwei­tem zula­ge­be­rech­tig­tem Kind für Kin­der in Aus­bil­dung bis zum 25. Alters­jahr CHF 3’000 pro Jahr (E. 2).

Strit­tig war, ob die Fami­li­en­zu­la­ge für die Toch­ter aus zwei­ter Ehe nach Buch­sta­be a oder b zu bemes­sen war (E. 3). Das Bun­des­ge­richt erwog, nach Wort­laut und Syste­ma­tik des GAV gel­te der Grund­satz, dass ein zula­gen­be­rech­tig­tes Kind einen höhe­ren Anspruch begrün­det als jedes wei­te­re zula­gen­be­rech­tig­te Kind bis 16 Jah­re. Der Aus­druck “zula­gen­be­rech­tigt” knüp­fe dabei an das Arbeits­ver­hält­nis bei den SBB an (E. 4.3 und 4.5).

Betref­fend den Sinn und Zweck von Fami­li­en­zu­la­gen hielt das Bun­des­ge­richt fest, die Zula­gen wür­den sich auf die finan­zi­el­le Bela­stung durch den Unter­halt von Kin­dern bezie­hen und einen zumin­dest teil­wei­sen Aus­gleich der damit ver­bun­de­nen Kosten bezwecken. Degres­si­ve Ansät­ze bei Kin­der­zu­la­gen berück­sich­tig­ten die effek­ti­ve Bela­stung der Haus­halts­aus­ga­ben durch meh­re­re Kin­der. Aus die­sem Grund wür­de dem Sinn und Zweck der Abstu­fung des Zula­gen­be­tra­ges nach der Anzahl Kin­der nicht nach­ge­lebt, wenn einem wie­der­ver­hei­ra­te­ten Vater, der einen neu­en Haus­halt grün­det, die höhe­re Zula­ge für ein bei ihm woh­nen­des Kind ver­wei­gert wür­de. Mass­ge­bend sei damit die Anzahl zula­gen­be­rech­tig­ter Kin­der in der Haus­halts- oder Fami­li­en­ge­mein­schaft der bezugs­be­rech­tig­ten Per­son (vgl. zum Gan­zen E. 4.4). Die Fami­li­en­zu­la­gen­ord­nung sei zivil­stands­neu­tral aus­ge­stal­tet und knüp­fe im vor­lie­gen­den Fall an das Arbeits­ver­hält­nis mit den SBB (E. 4.5). Der Ange­stell­te hat­te daher Anspruch auf eine Fami­li­en­zu­la­ge in der Höhe des Betra­ges für ein Ein­zel­kind, obwohl er Vater von zwei Kin­dern war.

Roland Bachmann

Posted by Roland Bachmann

Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).