Das Bun­des­ge­richt setzt sich in einem aktu­el­len Urteil mit der Fra­ge aus­ein­an­der, ob Abtre­tungs­gläu­bi­ger nach Art. 260 SchKG im Straf­ver­fah­ren zur adhä­si­ons­wei­sen Gel­tend­ma­chung der abge­tre­te­nen Ansprü­che zuzu­las­sen sind. Im kon­kre­ten Fall kam es zu dem Schluss, dass sich die drei Beschwer­de­füh­re­rin­nen zwar als Pri­vat­klä­ge­rin­nen kon­sti­tu­iert haben, aber nur teil­wei­se als Geschä­dig­te im Sin­ne von Art. 115 Abs. 1 StPO zu betrach­ten sind, wes­halb die Beschwer­de abzu­wei­sen war. Denn der Wort­laut die­ser Bestim­mung ver­langt aus­drück­lich, dass die geschä­dig­te Per­son in ihren Rech­ten unmit­tel­bar ver­letzt wor­den ist.

Nach Art. 382 Abs. 1 StPO kann jede Par­tei, die ein recht­lich geschütz­tes Inter­es­se an der Auf­he­bung oder Ände­rung eines Ent­scheids hat, ein Rechts­mit­tel ergrei­fen. Als Par­tei gilt gemäss Art. 104 Abs. 1 lit. b StPO ins­be­son­de­re die Pri­vat­klä­ger­schaft, dh die geschä­dig­te Per­son, die aus­drück­lich erklärt, sich am Straf­ver­fah­ren im Straf- oder Zivil­punkt zu betei­li­gen (Art. 118 Abs. 1 StPO). Ein Geschä­dig­ter ist gemäss Art. 115 Abs. 1 StPO, wer durch die Straf­tat in sei­nen Rech­ten unmit­tel­bar ver­letzt wor­den ist.

In sei­nen Rech­ten unmit­tel­bar ver­letzt ist, wer Trä­ger des durch die ver­letz­te Straf­norm geschütz­ten oder zumin­dest mit­ge­schütz­ten Rechts­guts ist:

3.2 […] Im All­ge­mei­nen genügt es, wenn das von der geschä­dig­ten Per­son ange­ru­fe­ne Indi­vi­du­al­rechts­gut durch den ver­letz­ten Straf­tat­be­stand auch nur nach­ran­gig oder als Neben­zweck geschützt wird, selbst wenn der Tat­be­stand in erster Linie dem Schutz von kol­lek­ti­ven Rechts­gü­tern dient. Wer­den indes durch Delik­te, die nur öffent­li­che Inter­es­sen ver­let­zen, pri­va­te Inter­es­sen bloss mit­tel­bar beein­träch­tigt, ist der Betrof­fe­ne nicht Geschä­dig­ter im Sin­ne des Straf­pro­zess­rechts (BGE 138 IV 258 E. 2.3 […]).

Im vor­lie­gen­den Fall waren die Beschwer­de­füh­re­rin­nen nur in Bezug auf den mehr­fa­chen betrü­ge­ri­schen Kon­kurs sowie der mehr­fa­chen Gläu­bi­ger­schä­di­gung durch Ver­mö­gens­min­de­rung und der Miss­wirt­schaft als Geschä­dig­te anzu­se­hen, nicht aber in Bezug auf ver­schie­de­ne Ver­mö­gens­de­lik­te und Urkun­den­de­lik­te. Denn das geschütz­tes Rechts­gut der Kon­kurs­de­lik­te ist das Ver­mö­gen der Gläu­bi­ger des Gemein­schuld­ners. Dem­ge­gen­über ist bei Straf­ta­ten gegen den Ver­mö­gens­wert der Inha­ber des geschä­dig­ten Ver­mö­gens die geschä­dig­te Per­son, wäh­rend Aktio­nä­re oder Gesell­schafts­gläu­bi­ger nicht unmit­tel­bar ver­letzt sind. Auch die Urkun­den­de­lik­te schüt­zen pri­mär die All­ge­mein­heit, da deren geschütz­tes Rechts­gut das beson­de­re Ver­trau­en ist, wel­ches im Rechts­ver­kehr einer Urkun­de als Beweis­mit­tel ent­ge­gen­ge­bracht wird. 

Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen rüg­ten erfolg­los, dass sie als Abtre­tungs­gläu­bi­ge­rin­nen nach Art. 260 SchKG im Straf­ver­fah­ren gegen ehe­ma­li­ge Orga­ne der Kon­kur­si­tin zur adhä­si­ons­wei­sen Gel­tend­ma­chung der abge­tre­te­nen Ansprü­che zuzu­las­sen sei­en:

3.4.4. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts han­delt es sich bei der Abtre­tung nach Art. 260 SchKG um ein betrei­bungs- und pro­zess­recht­li­ches Insti­tut sui gene­ris, die auch als eine Form der Pro­zess­stand­schaft bezeich­net wird. Der Abtre­tungs­gläu­bi­ger han­delt zwar im Pro­zess in eige­nem Namen, auf eige­ne Rech­nung und auf eige­nes Risi­ko, wird durch die Abtre­tung indes nicht Trä­ger des abge­tre­te­nen Anspruchs; abge­tre­ten wird ihm nur das Pro­zess­füh­rungs­recht der Mas­se (BGE 138 III 628 E. 5.3.2; 132 III 342 E. 2.2; 121 III 488 E. 2b; je mit Hin­wei­sen).

Wie die Beschwer­de­füh­re­rin­nen selbst zu Recht vor­ge­bracht haben, unter­schei­det sich die Abtre­tung gemäss Art. 260 SchKG grund­le­gend von der Zes­si­on gemäss Art. 164 ff. OR:

3.4.4 […] Ver­tritt die Kon­kurs­ver­wal­tung den Gemein­schuld­ner im Straf­pro­zess, dann han­delt sie in des­sen Namen und kann alle Rech­te gel­tend machen, wel­che ihm als geschä­dig­te Per­son im Sin­ne von Art. 115 Abs. 1 StPO zuste­hen. Dem­ge­gen­über han­delt der Abtre­tungs­gläu­bi­ger gemäss Art. 260 SchKG nicht für den Gemein­schuld­ner, son­dern in eige­nem Namen. Somit kann er nur soweit tätig wer­den, als er sel­ber unmit­tel­bar in sei­nen Rech­ten ver­letzt ist. Die Abtre­tung gemäss Art. 260 SchKG hat nicht zur Fol­ge, dass die Geschä­dig­ten­stel­lung auf ihn über­geht.

Auch Art. 121 StPO, der die straf­pro­zes­sua­len Fol­gen regelt, wenn die mit der Straf­tat zusam­men­hän­gen­den Ansprü­che auf Per­so­nen über­ge­hen, die nicht geschä­digt sind im Sin­ne von Art. 115 StPO, ist auf Abtre­tungs­gläu­bi­ger nicht anwend­bar:

3.4.5 […] Die Rechts­an­sprü­che der Kon­kurs­mas­se gehen weder rechts­ge­schäft­lich noch von Geset­zes wegen auf den Abtre­tungs­gläu­bi­ger gemäss Art. 260 SchKG über. Er erhält nur das Pro­zess­füh­rungs­recht der Mas­se. Bereits aus die­sem Grund ver­bie­tet sich eine ana­lo­ge Anwen­dung von Art. 121 StPO […]. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass der Abtre­tungs­gläu­bi­ger, weil ihm die Ein­trei­bungs­be­fug­nis allei­ne zusteht, in einer beson­de­ren Bezie­hung zum ursprüng­li­chen Anspruch des Geschä­dig­ten ste­hen wür­de […].

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.