Im vor­lie­gen­den Urteil hat­te sich das Bun­des­ge­richt mit der Fra­ge zu befas­sen, wie die Erklä­rung „Rechts­vor­schlag kein neu­es Ver­mö­gen“ zu ver­ste­hen ist:

Die A. AG hat­te B. gestützt auf einen Kon­kurs­ver­lust­schein betrie­ben. B. hat­te Rechts­vor­schlag mit dem Ver­merk “Rechts­vor­schlag kein neu­es Ver­mö­gen” erho­ben. Das Betrei­bungs­amt for­der­te B. in der Fol­ge auf, zu prä­zi­sie­ren, ob er sich ein­zig auf die Ein­re­de des man­geln­den neu­en Ver­mö­gens bezie­he oder ob auch die in Betrei­bung gesetz­te For­de­rung bestrit­ten wer­de, wor­auf B. jedoch nicht reagier­te. Das Betrei­bungs­amt leg­te den Rechts­vor­schlag dem Rich­ter vor, wel­cher den­sel­ben im Umfang von Fr. 2’175.25 nicht bewil­lig­te und fest­stell­te, dass neu­es Ver­mö­gen in die­ser Höhe vor­han­den sei. Als die A. AG das Fort­set­zungs­be­geh­ren stell­te, gab das Betrei­bungs­amt die­sem aller­dings kei­ne Fol­ge, weil der ordent­li­che Rechts­vor­schlag nicht besei­tigt wor­den sei.

Umstrit­ten war der Umfang des vom Betrie­be­nen erho­be­nen Rechts­vor­schla­ges.

Das Bun­des­ge­richt erwog zunächst, dass der Rechts­vor­schlag an kei­ne Form gebun­den sei und i.d.R. kei­ner Begrün­dung bedür­fe. Wenn der Betrie­be­ne aller­dings bestrei­te, zu neu­em Ver­mö­gen gekom­men zu sein, so habe er dies im Rechts­vor­schlag aus­drück­lich zu erklä­ren. Das Betrei­bungs­amt lege dann den Rechts­vor­schlag dem Rich­ter des Betrei­bungs­or­tes vor, wel­cher end­gül­tig dar­über ent­schei­de. Sofern sich der Rechts­vor­schlag auch gegen den Bestand der For­de­rung rich­te, so sei die­ser vor der Fort­set­zung der Betrei­bung eben­falls gericht­lich zu besei­ti­gen. Dies­falls kön­ne der Betrei­ben­de die Rechts­öff­nung ver­lan­gen, über die der Rich­ter — bei gege­be­ner (sach­li­cher) Zustän­dig­keit — im sel­ben (sum­ma­ri­schen) Ver­fah­ren befin­de (E. 2.1).

Zum Vor­ge­hen des Betrei­bungs­am­tes führ­te das Bun­des­ge­richt aus: 

„Das Betrei­bungs­amt stell­te [dem Betrie­be­nen] kon­kret die Fra­ge, ob nur die Ein­re­de des feh­len­den neu­en Ver­mö­gens erho­ben wer­de oder ob auch der Bestand der For­de­rung bestrit­ten wer­de. In der Leh­re wird denn auch ange­regt, den Betrie­be­nen im Hin­blick auf die Ver­mei­dung unnö­ti­ger Ver­fah­ren zu einer kla­ren Äusse­rung anzu­hal­ten […] oder sogar nach­zu­fra­gen, ob die For­de­rung aner­kannt wer­de […]. Die­ses Vor­ge­hen scheint sinn­voll und mit der Rege­lung von Art. 265a SchKG ver­ein­bar, auch wenn kei­ne der­ar­ti­gen gesetz­li­chen Pflich­ten des Betrei­bungs­am­tes bestehen; genau­so wenig ist der Betrie­be­ne gehal­ten, auf die Anfra­ge des Betrei­bungs­am­tes zu ant­wor­ten.“ 

Das Bun­des­ge­richt fol­ger­te, dass es dem Betrie­be­nen nicht scha­de, wenn er sich nicht ver­neh­men las­se. Im Ergeb­nis blei­be der Umfang des Rechts­vor­schla­ges im vor­lie­gen­den Fall unklar und bedür­fe der Aus­le­gung (E. 2.2). Bei der Aus­le­gung der Erklä­rung des Betrie­be­nen lehn­te das Bun­des­ge­richt den in Recht­spre­chung und Leh­re teils befür­wor­te­ten Grund­satz in dubio pro debi­to­re zwar ab. Statt­des­sen for­der­te das Bun­des­ge­richt eine Aus­le­gung nach dem Ver­trau­ens­prin­zip (E. 2.3), kam aber zu fol­gen­dem Schluss: 

„Nach den dar­ge­leg­ten Grund­sät­zen und nicht zuletzt auf­grund der Form­frei­heit des Rechts­vor­schla­ges erweist sich die von der kan­to­na­len Auf­sichts­be­hör­de vor­ge­nom­me­ne Aus­le­gung, dass der Satz “Rechts­vor­schlag kein neu­es Ver­mö­gen” auch gegen die in Betrei­bung gesetz­te For­de­rung gerich­tet sei, als rechts­kon­form. […] die Vor­in­stanz konn­te und durf­te anneh­men, dass der Schuld­ner “Rechts­vor­schlag [und] kein neu­es Ver­mö­gen” gemeint hat. Da sich der Rechts­vor­schlag des Schuld­ners nicht aus­drück­lich nur auf das Feh­len neu­en Ver­mö­gens beschränkt hat […], ist das Fort­set­zungs­be­geh­ren vom Betrei­bungs­amt zu Recht zurück­ge­wie­sen wor­den.“

Lukas Wiget

Posted by Lukas Wiget

RA Dr. Lukas Wiget, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Blum&Grob Rechtsanwälte AG tätig. Nach dem Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Assistent, später am Bezirksgericht Horgen und in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei. Das LL.M.-Studium absolvierte er in Sydney an der University of New South Wales.