Das vor­lie­gen­de Urteil des BGer betrifft eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen der ETH Zürich und den Wis­sen­schafts­ver­la­gen Else­vier, Sprin­ger und Thie­me. Die Biblio­thek der ETH betreibt einen Doku­men­ten­lie­fer­dienst, bei dem auf Anfra­ge
Aus­zü­ge aus in der Biblio­thek vor­han­de­nen Zeit­schrif­ten oder
Sam­mel­bän­den gescannt und als PDF per Email an Nut­zer ver­sandt wer­den. Dage­gen hat­ten die Wis­sen­schafts­ver­la­ge geklagt. Das HGer ZH hat­te den Wis­sen­schafts­ver­la­gen noch Recht gege­ben und der ETH ver­bo­ten, bestimm­te Arti­kel zum Zweck der Doku­men­ten­lie­fe­rung zu ver­viel­fäl­ti­gen (oder ver­viel­fäl­ti­gen zu las­sen) und elek­tro­nisch zu ver­sen­den (oder ver­sen­den zu las­sen).

Das HGer hat­te argu­men­tiert, der Doku­men­ten­lie­fer­dienst sei mit Bezug auf den Ver­sand der Artiekl nicht erlaubt, wäre anson­sten aber zuläs­sig: 

  • die zur Dis­kus­si­on ste­hen­den wis­sen­schaft­li­chen Auf­sät­ze selbst — und nicht etwa die Zeit­schrift als Gan­zes — sei­en “Werk­ex­em­pla­re” iSv URG 19 III lit. a; folg­lich stel­le die Ver­viel­fäl­ti­gung ein­zel­ner Auf­sät­ze eine “voll­stän­di­ge Ver­viel­fäl­ti­gung im Han­del erhält­li­cher Werk­ex­em­pla­re” iSv URG 19 III lit. a dar; 
  • jedoch sei die her­kömm­li­che Unter­schei­dung des Pri­vat­ge­brauchs im enge­ren vom
    Pri­vat­ge­brauch i.w.S. Sin­ne (d.h. ohne bzw. mit Ein­be­zug eines Drit­ten) auf­zu­ge­ben; der pri­va­te Kreis iSv URG 19 I lit. a fal­le gene­rell nicht unter URG 19 III lit. a, so dass eine natür­li­che Per­son, die zum ent­spre­chen­den pri­va­ten Kreis zählt, auf einem durch die Biblio­thek zur Ver­fü­gung gestell­ten Kopier­ge­rät Werk­ex­em­pla­re voll­stän­dig ver­viel­fäl­ti­gen dür­fe; 
  • folg­lich sei das voll­stän­di­ge Kopie­ren eines im Han­del erhält­li­chen Werk­ex­em­plars mit Hil­fe eines von einer Biblio­thek zur Ver­fü­gung gestell­ten Kopier­ge­räts sei daher einer natür­li­chen Per­son gestat­tet, wel­che die Ver­viel­fäl­ti­gung zu ihrem eige­nen per­sön­li­chen Gebrauch ver­wen­de; 
  • jedoch gehö­re der Ver­sand der Kopie “nicht zur
    rein tech­ni­schen Durch­füh­rung der Her­stel­lung einer Kopie”) und damit nicht zu den zuläs­si­gen Hand­lun­gen eines Drit­ten nach URG 19 II.

Im Ergeb­nis sei der Doku­men­ten­lie­fer­dienst daher unzu­läs­sig.

Das BGer heisst die Beschwer­de der ETH gegen die­sen Ent­scheid gut.
Mass­geb­lich dafür war eine gänz­lich ande­re Aus­le­gung der Schran­ken­be­stim­mung von
Art. 19 URG (Ver­wen­dung zum Eigen­ge­brauch). Der Doku­men­ten­lie­fer­dienst sei erlaubt, auch mit Blick auf den Ver­sand der Arti­kel:

  • der pri­va­te Kreis gemäss URG 19 I lit. a, der nach URG 19 II die
    Hil­fe einer Biblio­thek in Anspruch nimmt, fal­le zwar sehr wohl unter
    das Ver­bot von URG 19 III lit. a; dies hat das BGer in BGE 128 IV 201 fest­ge­hal­ten (es sei unter­sagt, im Han­del erhält­li­che Werk­ex­em­pla­re voll­stän­dig zum Eigen­ge­brauch durch Drit­te ver­viel­fäl­ti­gen zu las­sen),
    und an die­ser Rechts­la­ge habe sich mit der Neu­fas­sung von URG 19 von
    2007 nichts geän­dert; die Ansicht des HGer wür­de im Gegen­teil dazu
    füh­ren, dass eine natür­li­che Per­son im Rah­men des Eigen­ge­brauchs zB eine
    Biblio­thek damit beauf­tra­gen könn­te, für sie eine voll­stän­di­ge Kopie
    eines Buchs anzu­fer­ti­gen, was nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers
    ausser­halb des pri­va­ten Krei­ses gera­de nicht zuläs­sig sein soll; 
  • Werk­ex­em­plar” ist jedoch nicht der ein­zel­ne Arti­kel bzw. das Kapi­tel, son­dern die Zeit­schrift bzw. der Sam­mel­band, so dass die Her­stel­lung einer Kopie ein­zel­ner Auf­sät­ze den­noch erlaubt sei:

    “Unter den Begriff des Werk­ex­em­plars im Sin­ne von Art. 19 Abs. 3 lit. a URG fal­len dem­nach die Zei­tung oder die Zeit­schrift, die als Kopier­vor­la­ge her­an­ge­zo­gen wird, selbst wenn die dar­in ent­hal­te­nen Arti­kel dar­über hin­aus ein­zeln über ein Online-Archiv ange­bo­ten wer­den”;

  • zudem sei der Ver­sand der Kopi­en gar kei­ne urhe­ber­rechts­re­le­van­te Hand­lung, so dass auch kein Anlass dafür bestand, in URG 19 II neben der Her­stel­lung auch den Ver­sand von Ver­viel­fäl­ti­gun­gen frei­zu­stel­len (Bestä­ti­gung von BGE 133 III 473: “Sofern die Dien­ste bei der Her­stel­lung der Kopie kei­ne ande­ren Hand­lun­gen vor­neh­men, als der zum Eigen­ge­brauch Berech­tig­te sel­ber vor­neh­men dürf­te […], fällt die Ver­viel­fäl­ti­gung des Werk­ex­em­plars des­halb unter Art. 19 Abs. 2 URG”):

    Ent­schei­dend ist dem­nach für die Zuläs­sig­keit der frag­li­chen Dienst­lei­stung aus urhe­ber­recht­li­cher Sicht, ob die — über den tech­ni­schen Kopier­vor­gang hin­aus­ge­hen­den — Hand­lun­gen der Biblio­thek urhe­ber­recht­lich rele­vant sind, indem sie frem­de Urhe­ber­rech­te ver­let­zen. Wer­den mit dem Ver­sen­den der her­ge­stell­ten Kopie an den zum Eigen­ge­brauch Berech­tig­ten kei­ne Urhe­ber­rech­te ver­letzt, ist die­se Wei­ter­ga­be zuläs­sig und es erüb­rigt sich eine dies­be­züg­li­che Aus­nah­me­be­stim­mung.

Ins­ge­samt ist der Doku­men­ten­lie­fer­dienst des­halb zuläs­sig, so dass die Beschwer­de der ETH gut­zu­hei­ssen war.

David Vasella

Posted by David Vasella

RA Dr. David Vasella ist Gründer von swissblawg und Rechtsanwalt und Counsel bei Walder Wyss. Er ist auf IT-, Datenschutz- und Immaterialgüterrecht spezialisiert, betreibt den Blog daten:recht und ist Lehrbeauftragter der Universität Zürich.