Das Bun­des­ge­richt äusser­te sich in die­sem Ver­fah­ren erst­mals zur Fra­ge, ob eine gestützt auf Art. 713b Abs. 1 Ziff. 3 OR rich­ter­lich ange­ord­ne­te Auf­lö­sung einer Gesell­schaft und deren Liqui­da­ti­on nach den Vor­schrif­ten über den Kon­kurs gestützt auf eine ana­lo­ge Anwen­dung der Regeln des Wider­rufs des Kon­kur­ses gemäss Art. 195 SchG wider­ru­fen wer­den kann. Über die frag­li­che Akti­en­ge­sell­schaft war auf­grund Feh­lens der Revi­si­ons­stel­le rechts­kräf­tig die Auf­lö­sung ange­ord­net wor­den. Die Akti­en­ge­sell­schaft mach­te spä­ter gel­tend, sie habe sämt­li­che For­de­rungs­be­trä­ge begli­chen und den Orga­ni­sa­ti­ons­man­gel, der zu ihrer Auf­lö­sung geführt habe, in der Zwi­schen­zeit beho­ben.

Das Bun­des­ge­richt ver­nein­te die Fra­ge und folg­te damit der zu die­ser Fra­ge ein­heit­li­chen Lehr­mei­nung (Hin­wei­se in E. 2.3.2). Zur Begrün­dung führ­te es an, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine ana­lo­ge Anwen­dung von Art. 195 SchKG nicht erfüllt sei­en, da kei­ne Geset­zes­lücke vor­lie­ge. Dies aus zwei Grün­den:

  • Die ZPO sehe zwar kei­ne aus­drück­li­che Regel zur Fra­ge der Wider­ruf­bar­keit von Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel­ent­schei­den vor. Aller­dings gel­te im Zivil­pro­zess der all­ge­mei­ne Grund­satz, wonach Sum­mar­ent­schei­de den ordent­li­chen Ent­schei­den hin­sicht­lich Rechts­kraft gleich­ge­stellt sei­en. Da Auf­lö­sungs­ent­schei­de gestützt auf Art. 731b Abs. 1 Ziff. 3 OR zu den­je­ni­gen Sum­mar­ver­fah­ren gehö­ren wür­den, die nicht in einem ordent­li­chen Ver­fah­ren zu pro­se­quie­ren sei­en und in denen das Gericht hin­sicht­lich der Rechts­an­wen­dung vol­le Kogni­ti­on besit­ze, wür­den sie mit Ablauf der Rechts­mit­tel­frist for­mell rechts­kräf­tig und könn­ten
    ein­zig nach den Regeln der Revi­si­on (Art. 328 ff. ZPO) nach­träg­lich
    abge­än­dert wer­den (E. 2.5.2).
  • Zudem sei, so das Bun­des­ge­richt mit Hin­weis auf die Bot­schaft zur Revi­si­on des Obli­ga­tio­nen­rechts (GmbH-Recht), davon aus­zu­ge­hen, dass der Gesetz­ge­ber eine nach­träg­li­che Wider­ruf­bar­keit von Auf­lö­sungs­ent­schei­den still­schwei­gend aus­ge­schlos­sen habe, da die zwangs­wei­se Liqui­da­ti­on nach den Vor­schrif­ten über den Kon­kurs gera­de auch dann zur Anwen­dung gelan­gen sol­le, wenn die Gesell­schaft nicht über­schul­det sei (E. 2.5.3).

Die­ses Ergeb­nis, so das Bun­des­ge­richt, ste­he zudem im Ein­klang mit der Kon­zep­ti­on des Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel­ver­fah­rens: Die in Art. 731b Abs. 1 OR genann­ten Mass­nah­men wür­den in einem Stu­fen­ver­hält­nis ste­hen. Da die Auf­lö­sung der Gesell­schaft gestützt auf Art. 731b Abs. 1 Ziff. 3 OR ohne­hin erst aus­zu­spre­chen sei, wenn alle mil­de­ren Mit­tel ver­sagt bzw. nicht ziel­füh­rend sei­en, müs­se der Auf­lö­sungs­ent­scheid mit Ein­tritt der for­mel­len Rechts­kraft defi­ni­tiv sein (E. 2.6).

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).