C. (Klä­ge­rin, Beschwer­de­füh­re­rin) erhielt als 16-jäh­ri­ge von ihrem Gynä­ko­lo­gen die Ver­hü­tungs­pil­le “Yas­min” ver­schrie­ben. Weni­ge Mona­te spä­ter brach die Klä­ge­rin zusam­men und muss­te not­fall­mä­ssig hospi­ta­li­siert wer­den. Sie erlitt eine beid­sei­ti­ge Lun­gen­em­bo­lie und als Fol­ge des Sauer­stoff­man­gels eine schwe­re Hirn­schä­di­gung. Die Klä­ge­rin ist heu­te spa­stisch gelähmt und schwer inva­lid.

C. klag­te gestützt auf das Pro­duk­te­haft­pflicht­ge­setz (PrHG) gegen den Her­stel­ler der Pil­le und mach­te gel­tend, das Pro­dukt “Yas­min” sei feh­ler­haft, weil es bei den Anwen­de­rin­nen zu einem erhöh­ten Risi­ko einer venö­sen Throm­bo­em­bo­lie führt und in der Pati­en­ten­in­for­ma­ti­on nicht genü­gend dar­auf hin­ge­wie­sen wer­de, dass allen­falls von einem dop­pelt so hohen Risi­ko für ein throm­bo­em­bo­li­sches Ereig­nis aus­zu­ge­hen sei wie bei den bis­her bekann­ten Pil­len der zwei­ten Gene­ra­ti­on (Urteil 4A_365/2014 vom 5. Janu­ar 2015, E. 5 und 9).

Das Bun­des­ge­richt ver­nein­te indes­sen das Vor­lie­gen eines Instruk­ti­ons­feh­lers bezüg­lich des Pro­dukts “Yas­min”. Nach Art. 4 PrHG ist ein Pro­dukt feh­ler­haft, wenn es nicht die Sicher­heit bie­tet, die unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de erwar­tet wer­den darf, wobei gemäss Bun­des­ge­richt auf die Sicher­heits­er­war­tung eines hypo­the­ti­schen Durch­schnitts­kon­su­men­ten abzu­stel­len sei. Zu unter­schei­den sei­en Fabri­ka­ti­ons-, Kon­struk­ti­ons- und Instruk­ti­ons­feh­ler. Ein Instruk­ti­ons­feh­ler lie­ge bei Pro­duk­ten vor, die nicht mit einer
geeig­ne­ten Infor­ma­ti­on hin­sicht­lich der gegen­über dem Kon­su­men­ten
bestehen­den Risi­ken ver­se­hen sind
(E. 7).

Bei rezept­pflich­ti­gen Medi­zi­nal­pro­duk­ten sei bezüg­lich der Sicher­heits­er­war­tun­gen nicht allein auf die indi­vi­du­el­len Erwar­tun­gen des Pati­en­ten abzu­stel­len, denn die­sem feh­le in der Regel das nöti­ge Fach­wis­sen, um die mit rezept­flich­ti­gen Medi­ka­men­ten ver­bun­de­nen Gefah­ren rich­tig ein­schät­zen zu kön­nen. Für die Beur­tei­lung, ob die Sicher­heits­er­war­tun­gen des Pati­en­ten bezüg­lich rezept­pflich­ti­ger Medi­ka­men­te berech­tigt sei­en, müs­se daher auch das Wis­sen des Arz­tes ein­be­zo­gen wer­den, der das Medi­ka­ment ver­schrei­be. Der Arzt sei ver­pflich­tet, die Chan­cen und Risi­ken der ver­schie­de­nen auf dem Markt erhält­li­chen Pro­duk­te im Hin­blick auf die kon­kre­te Anwen­dung abzu­wä­gen und die­se mit sei­nem Pati­en­ten zu dis­ku­tie­ren. Gemäss Bun­des­ge­richt war des­halb nicht zu bean­stan­den, dass nur die an die Ärz­te gerich­te­te Fach­in­for­ma­ti­on den Hin­weis ent­hielt, dass allen­falls mit einem dop­pelt so hohen Risi­ko für ein throm­bo­em­bo­li­sches Ereig­nis aus­zu­ge­hen sei wie bei den bis­her bekann­ten Pil­len der zwei­ten Gene­ra­ti­on, wäh­rend in der Pati­en­ten­in­for­ma­ti­on ein sol­cher Ver­gleich fehl­te (E. 9.2).

Roland Bachmann

Posted by Roland Bachmann

Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).