Die for­mel­le und mate­ri­el­le Recht­mä­ssig­keit von Zwangs­mass­nah­men (erken­nungs­dienst­li­che Erfas­sung und Erstel­lung eines DNA-Pro­fils) ist Gegen­stand eines für die amt­li­che Samm­lung vor­ge­se­he­nen Urteils des Bun­des­ge­richts.

Die Beschwer­de­füh­re­rin depo­nier­te zusam­men mit drei wei­te­ren Per­so­nen wäh­rend einer Ver­an­stal­tung an der Uni­ver­si­tät Bern Mist auf Tischen im Vor­trags­raum. Alle vier ver­wei­ger­ten in der poli­zei­li­chen Befra­gung die Aus­sa­ge und stimm­ten einer erken­nungs­dienst­li­chen Behand­lung nicht zu. Der zustän­di­ge Staats­an­walt ord­ne­te tele­fo­nisch die erken­nungs­dienst­li­che Erfas­sung an. Zudem ver­an­lass­te die Kan­tons­po­li­zei die Ent­nah­me einer DNA-Pro­be und die Erstel­lung von DNA-Pro­fi­len. Spä­ter bestä­tig­te die Staats­an­walt­schaft schrift­lich die erken­nungs­dienst­li­che Erfas­sung.

Das Bun­des­ge­richt hält fest, dass sowohl die erken­nungs­dienst­li­che Erfas­sung als auch die Erstel­lung des DNA-Pro­fils im Hin­blick auf die Sach­be­schä­di­gung in zeit­li­cher Hin­sicht nicht dring­lich und auch nicht erfor­der­lich war. Die Zwangs­mass­nah­men las­sen sich auch nicht mit ande­ren, mög­li­cher­wei­se began­ge­nen oder noch zu bege­hen­den Straf­ta­ten begrün­den. Inso­weit fehlt es hier bereits an kon­kre­ten Anhalts­punk­ten, die einen hin­rei­chen­den Tat­ver­dacht im Sin­ne von Art. 197 Abs. 1 lit. b StPO begrün­den könn­ten.

Fer­ner rügt das Bun­des­ge­richt, dass die Erstel­lung des DNA-Pro­fils nicht durch die Poli­zei ange­ord­net wer­den durf­te. Die zu Grun­de lie­gen­de Wei­sung der Gene­ral­staats­an­walt­schaft, “bei nicht inva­si­ven Pro­be­ent­nah­men gene­rell die Ana­ly­se der DNA-Pro­ben zwecks Erstel­lung eines DNA-Pro­fils” vor­zu­neh­men, ist in meh­re­rer Hin­sicht bun­des­rechts­wid­rig. Denn Art. 255 StPO ermög­licht nicht bei jedem hin­rei­chen­den Tat­ver­dacht die rou­ti­ne­mä­ssi­ge (inva­si­ve) Ent­nah­me von DNA-Pro­ben, geschwei­ge denn deren gene­rel­le Ana­ly­se. Erfor­der­lich ist eine Prü­fung des jewei­li­gen Ein­zel­falls. Der Gesetz­ge­ber hat zudem eine Dif­fe­ren­zie­rung von DNA-Ent­nah­me und DNA-Pro­fil-Erstel­lung vor­ge­se­hen und die ent­spre­chen­den Anord­nungs­kom­pe­ten­zen unter­schied­lich gere­gelt.

Schliess­lich durf­te die erken­nungs­dienst­li­che Erfas­sung man­gels Dring­lich­keit nicht münd­lich ange­ord­net wer­den (vgl. Art. 260 Abs. 3 StPO), wie das Bun­des­ge­richt wei­ter fest­stellt. Abstrak­te Zweck­mä­ssig­keits­über­le­gun­gen ver­mö­gen die für jeden Ein­zel­fall zu prü­fen­den gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen nicht zu erset­zen. Dass die sofor­ti­ge Anord­nung und Durch­füh­rung der Zwangs­mass­nah­men (auch) im Inter­es­se der Beschwer­de­füh­re­rin gele­gen haben könn­te, wie die Vor­in­stanz sta­tu­iert, ist nicht nach­voll­zieh­bar, da sie die­sen aus­drück­lich wider­spro­chen hat und anschlie­ssend mit allen mög­li­chen Rechts­mit­teln dage­gen vor­ge­gan­gen ist. 

Juana Vasella

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RA Dr. Juana Vasella ist Habilitandin, Oberassistentin und Lehrbeauftragte an der Universität Luzern sowie Co-Direktorin der Kompetenzstelle für Logistik- und Transportrecht KOLT. Daneben ist sie als Konsulentin für MME Legal | Tax | Compliance tätig. Zuvor hat Juana Vasella an der TU Dresden, der Universität Zürich und der Bucerius Law School sowie bei CMS von Erlach Poncet AG gearbeitet.