Die OAO B. ist eine Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft mit Sitz in Mos­kau. Sie schloss mit der A. Ltd., deren Sitz sich in Zürich befin­det, einen Rück­ver­si­che­rungs­ver­trag betref­fend die Ver­si­che­rung ver­schie­de­ner Was­ser­kraft­wer­ke und ande­rer Gebäu­de ab. Nach­dem sich ein Unfall in einem ver­si­cher­ten Was­ser­kraft­werk ereig­net hat­te, klag­te die OAO B. gegen die A. Ltd. beim Arbi­tra­ge­ge­richt der Stadt Mos­kau (ein staat­li­ches Han­dels­ge­richt) auf Lei­stung der Ver­si­che­rungs­lei­stun­gen. Die A. Ltd. ver­lor den rus­si­schen Pro­zess über alle Instan­zen. In der Fol­ge gelang­te die OAO B. ans Bezirks­ge­richt Zürich und bean­trag­te die Voll­streck­bar­er­klä­rung des rus­si­schen Ent­scheids gegen die A. Ltd.

Die A. Ltd. mach­te vor den schwei­ze­ri­schen Gerich­ten ver­geb­lich gel­tend, die rus­si­schen Rich­ter sei­en besto­chen gewe­sen, womit die Ent­schei­dung unter Ver­let­zung wesent­li­cher Grund­sät­ze des schwei­ze­ri­schen Ver­fah­rens­rechts gemäss Art. 27 Abs. 2 lit. b IPRG zustan­de gekom­men sei und ihre Aner­ken­nung gegen den for­mel­len Ord­re public ver­sto­ssen wür­de (Urteil 4A_203/2014 vom 9. April 2015, E. 3.2).  

Das Bun­des­ge­richt hielt fest, unter den kon­kre­ten Umstän­den wider­spre­che es dem Gebot von Treu und Glau­ben sowie dem Rechts­miss­brauchs­ver­bot, wenn die A. Ltd. die Bestechungs­vor­wür­fe gegen die rus­si­schen Gerich­te erst­mals im schwei­ze­ri­schen Exe­qua­tur­ver­fah­ren erhe­be (E. 5.1).

Gemäss stän­di­ger Recht­spre­chung müss­ten for­mel­le Rügen so früh wie mög­lich gel­tend gemacht wer­den, wobei das Gebot von Treu und Glau­ben und das Rechts­miss­brauchs­ver­bot auch in grenz­über­schrei­ten­den Ver­hält­nis­sen gel­ten wür­den (E. 5.2).

Die Kor­rup­ti­ons­vor­wür­fe gin­gen gemäss Bun­des­ge­richt nicht über vage Indi­zi­en hin­aus und die A. Ltd. sel­ber habe mit der OAO B. eine Gerichts­stands­klau­sel zugun­sten der rus­si­schen Gerich­te ver­ein­bart. Die A. Ltd. habe über­dies im rus­si­schen Ver­fah­ren bewusst dar­auf ver­zich­tet, ihren Bestechungs­ver­dacht zu äussern und pro­zes­sua­le Mit­tel zu ergrei­fen. Für das Bun­des­ge­richt war nicht nach­voll­zieh­bar, wes­halb die A. Ltd. den rus­si­schen Rechts­mit­tel­weg über meh­re­re Instan­zen hin­weg beschritt, wenn dies nach ihrer eige­nen Sach­dar­stel­lung auf­grund der mut­mass­lich besto­che­nen Rich­ter von vorn­her­ein aus­sichts­los erschien (vgl. zum Gan­zen E. 5.3.2 und 5.3.3). Der rus­si­sche Ent­scheid war damit in der Schweiz voll­streck­bar.

Roland Bachmann

Posted by Roland Bachmann

Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).