Das Bun­des­ge­richt hat kürz­lich ein wei­te­res Urteil im Zusam­men­hang mit dem Zusam­men­bruch der Swis­sair gefällt. Es ging um die Fra­ge, ob ein bel­gi­sches Gerichts­ur­teil im schwei­ze­ri­schen Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen ist. Dem Urteil lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Der Staat Bel­gi­en, die Socié­té Fédé­ra­le de Par­ti­ci­pa­ti­ons et d’Investissement (S.F.P.I.) SA sowie die SA Zephyr-Fin (im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren die Beschwer­de­füh­rer) hat­ten in den Nach­lass­ver­fah­ren der SAir­Group AG und der SAir­Lines AG For­de­run­gen im Umfang von meh­re­ren Mil­li­ar­den Fran­ken ange­mel­det, wel­che von den Nach­lass-Liqui­da­to­ren nicht zuge­las­sen wor­den waren. Gegen die abwei­sen­den Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fü­gun­gen hat­ten die Gläu­bi­ger (Beschwer­de­füh­rer) Kol­lo­ka­ti­ons­kla­gen gemäss Art. 250 Abs. 1 SchKG gegen die Nach­lass­mas­sen erho­ben. Mit Urteil vom 22. Febru­ar 2011 hat­te der Ein­zel­rich­ter am Bezirks­ge­richt Zürich die Kla­gen abge­wie­sen. Hier­ge­gen waren die Beschwer­de­füh­rer mit Beru­fung an das Ober­ge­richt des Kan­tons Zürich gelangt. Im Beru­fungs­ver­fah­ren hat­ten sie ein Urteil der Cour d’Appel de Bru­xel­les vom 27. Janu­ar 2011 vor­ge­legt, mit wel­chem ihre Ansprü­che teils gut­ge­hei­ssen, teils abge­wie­sen und die Beur­tei­lung wei­te­rer Ansprü­che bis zum Abschluss von in Bel­gi­en hän­gi­gen Straf­ver­fah­ren aus­ge­setzt wur­den. Die Beschwer­de­füh­rer hat­ten im Beru­fungs­ver­fah­ren die Teil­an­er­ken­nung des bel­gi­schen Urteils ver­langt sowie die Ver­fah­rens­si­stie­rung bis zum voll­stän­di­gen Abschluss der Zivil­ver­fah­ren in Bel­gi­en und die nach­fol­gen­de Neu­be­ur­tei­lung der Sache und die Kol­lo­ka­ti­on der von den bel­gi­schen Gerich­ten zuge­spro­che­nen For­de­run­gen. Mit Urteil vom 28. Mai 2013 hat­te das Ober­ge­richt sowohl den Sistie­rungs­an­trag als auch die Kla­gen abge­wie­sen. Gegen die­sen Ent­scheid des Ober­ge­richts als letz­ter kan­to­na­ler Instanz über Kol­lo­ka­ti­ons­kla­gen im Nach­lass­ver­trag mit Ver­mö­gens­ab­tre­tung rich­te­te sich die vor­lie­gend beur­teil­te Beschwer­de in Zivil­sa­chen.

Das Bun­des­ge­richt setz­te sich zunächst mit der Rüge aus­ein­an­der, das Ober­ge­richt habe das LugÜ ver­letzt, weil es die Aner­kenn­bar­keit des im bel­gi­schen Pro­zess ergan­ge­nen Urteils sowie des­sen Ver­bind­lich­keit im Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fah­ren ver­neint und die Kol­lo­ka­ti­ons­kla­ge nicht sistiert habe (E. 3.1). Es kam jedoch zum Schluss, dass die schwei­ze­ri­schen Kon­kurs- und Nach­lass­ver­fah­ren als Insol­venz­ver­fah­ren nicht unter das LugÜ fal­len (E. 3.4). Die Kol­lo­ka­ti­ons­kla­ge sei zu den kon­kurs­recht­li­chen Ver­fah­ren gemäss Art. 1 Abs. 2 lit. b LugÜ (Aus­schluss) zu zäh­len (E. 3.5).

Danach ver­wies das Bun­des­ge­richt auf ver­schie­de­ne Urtei­le, in wel­chen es das Ver­hält­nis zwi­schen schwei­ze­ri­schem Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fah­ren und aus­län­di­schem Pro­zess bereits beur­teilt hat­te (E. 4). Anschlie­ssend setz­te sich das Bun­des­ge­richt mit dem Argu­ment der Beschwer­de­füh­rer aus­ein­an­der, dass der Zivil­pro­zess in Bel­gi­en schon vor Eröff­nung der schwei­ze­ri­schen Nach­lass­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wor­den sei, wes­halb For­de­rungs­be­stand und Gläu­bi­ger­ei­gen­schaft gestützt auf das LugÜ im bel­gi­schen Ver­fah­ren zu klä­ren sei­en (E. 5). Das Bun­des­ge­richt kam jedoch zum Schluss, dass weder die Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fü­gung noch die Kol­lo­ka­ti­ons­kla­ge vom LugÜ erfasst sei­en (E. 5.1). Dies füh­re u.a. dazu, dass die aus­län­di­sche Rechts­hän­gig­keit kei­ne Rol­le spie­le; das Kol­lo­ka­ti­ons­ver­fah­ren neh­me davon unbe­ein­flusst sei­nen Lauf (E. 5.3). Unter Hin­weis auf BGE 140 III 320, S. 334, hielt das Bun­des­ge­richt fest, dass alle in einem Kol­lo­ka­ti­ons­streit auf­tau­chen­den Rechts­fra­gen aus­schliess­lich von den in der Schweiz zustän­di­gen Auf­sichts­be­hör­den und Gerich­ten zu beur­tei­len sei­en (E. 5.4). Sodann wider­leg­te das Bun­des­ge­richt das Argu­ment der Beschwer­de­füh­rer, das LugÜ ver­bie­te der Schweiz, die Zustän­dig­keit für Kol­lo­ka­ti­ons­kla­gen an sich zu zie­hen (E. 5.5). Dies sei im Gegen­teil effi­zi­ent, die­ne der Beschleu­ni­gung und wer­de auch in ande­ren Rechts­ord­nun­gen sowie vom EuGH aner­kannt (E. 5.5.1).

Das Bun­des­ge­richt bestä­tig­te, dass die Vor­in­stanz das LugÜ nicht ver­letzt habe, wenn sie das bel­gi­sche Urteil im Kol­lo­ka­ti­ons­pro­zess für nicht ver­bind­lich gehal­ten habe (E. 5.7). Ent­spre­chend wur­de die Beschwer­de abge­wei­sen (E. 7).

Lukas Wiget

Posted by Lukas Wiget

RA Dr. Lukas Wiget, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Blum&Grob Rechtsanwälte AG tätig. Nach dem Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Assistent, später am Bezirksgericht Horgen und in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei. Das LL.M.-Studium absolvierte er in Sydney an der University of New South Wales.