Im zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Urteil vom 4. Sep­tem­ber 2015 äusser­te sich das BGer zur Bau­ver­ga­be betref­fend das inter­kan­to­na­le Spi­tal Rivie­ra-Chab­lais im waadt­län­di­schen Ren­naz. Im Juni 2013 wur­den die Arbei­ten für den Bau des inter­kan­to­na­len Spi­tals in Ren­naz im offe­nen Ver­fah­ren aus­ge­schrie­ben, wobei fünf Offer­ten ein­gin­gen. Im Janu­ar 2014 ent­schied die Bau­kom­mis­si­on des Spi­tals, die Bau­ar­bei­ten an das Unter­neh­men Stei­ner AG zu ver­ge­ben. Gegen den Ver­ga­be­ent­scheid führ­ten die unter­le­ge­nen Unter­neh­men Inso S.p.A. und HRS Real Esta­te SA Beschwer­de beim Waadt­län­der Kan­tons­ge­richt, wel­ches den Ver­ga­be­ent­scheid auf­hob. Das BGer wie­der­um heisst die von der Stei­ner AG dage­gen erho­be­ne Beschwer­de gut.

Im aus­führ­lich begrün­de­ten Urteil lässt sich das BGer unter ande­rem zu den Vor­aus­set­zun­gen ver­neh­men, die für die Annul­lie­rung des gesam­ten Ver­ga­be­ver­fah­rens und nicht nur des ange­foch­te­nen Ent­scheids gege­ben sein müs­sen:

[…] l’interruption, la répé­ti­ti­on ou le renou­vel­le­ment de la pro­cé­du­re n’est pos­si­ble qu’à tit­re excep­ti­on­nel et sup­po­se un motif important; cet­te règ­le exi­ste aus­si pour les mar­chés publics sou­mis au droit fédé­ral […]. L’interruption du mar­ché (ce qui sup­po­se l’annulation de tous les actes déjà accom­plis) appa­raît donc com­me une ulti­ma ratio […] (E. 6.1.).

Das Kan­tons­ge­richt des Kan­tons Waadt stell­te sich auf den Stand­punkt, dass Män­gel im Zusam­men­hang mit Bank­ga­ran­ti­en, die von den Offe­ren­ten zum Beweis ihrer Finan­zie­rungs­grund­la­ge ver­langt wur­den, für die Annul­lie­rung des Ver­ga­be­ent­scheids aus­rei­chend sei­en. Das BGer ist ande­rer Ansicht und führt aus, dass kei­ner der Offe­ren­ten alle ver­lang­ten Doku­men­te ein­ge­reicht habe. Da der Finan­zie­rungs­nach­weis auch auf ande­re Wei­se erbracht wer­den kön­ne und aus den Aus­schrei­bungs­un­ter­la­gen weder der Umfang der ver­lang­ten Bank­ga­ran­ti­en, noch die genau­en Anfor­de­run­gen an die­se Garan­ti­en her­vor­ge­gan­gen sei­en, recht­fer­ti­ge sich der Abbruch des Aus­schrei­bungs­ver­fah­rens nicht.

Schliess­lich sagt das BGer, dass auch die übri­gen Män­gel in ihrer Gesamt­heit eine Annul­lie­rung und Neu­aus­schrei­bung der Bau­ver­ga­be nicht recht­fer­tig­ten:

Bien que l’on puis­se envi­sa­ger des situa­ti­ons dans les­quel­les un inté­rêt public prépon­dé­rant com­man­de­rait de mett­re à néant un mar­ché public même en l’absence d’erreurs gra­ves impac­tant sur le sort final de l’adjudication con­testée, par exemp­le si la fau­sse pro­cé­du­re a été appli­quée, l’absence d’erreurs gra­ves doit en règ­le géné­ra­le être con­s­idé­rée com­me un indi­ce pour le défaut de justi­fi­ca­ti­on con­cer­nant l’annulation com­plète d’un mar­ché public […] (E. 8.5.).

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.