Das Bun­des­ge­richt hat­te im Ent­scheid 5A_317/2015 Gele­gen­heit, sich erneut zur Nich­tig­keit von Betrei­bun­gen wegen (angeb­li­chen) Rechts­miss­brauchs zu äussern. Dem Urteil lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Die A. AG hat­te je ein Betrei­bungs­be­geh­ren gegen B. und die C. AG gestellt für eine For­de­rung von je rund CHF 7 Mio. Bei­de Betrie­be­nen hat­ten Rechts­vor­schlag erho­ben, und waren zudem an die Auf­sichts­be­hör­de in Betrei­bungs- und Kon­kurs­sa­chen gelangt und hat­ten bean­tragt, es sei fest­zu­stel­len, dass die rechts­miss­bräuch­lich erwirk­ten Zah­lungs­be­feh­le nich­tig und auf­zu­he­ben und im Betrei­bungs­re­gi­ster zu löschen sei­en. Die Auf­sichts­be­hör­de hat­te die Beschwer­de gut­ge­hei­ssen und das Betrei­bungs­amt ange­wie­sen, die ent­spre­chen­den Ein­trä­ge im Betrei­bungs­re­gi­ster zu löschen. Dage­gen hat­te die A. AG wie­der­um Beschwer­de in Zivil­sa­chen ans Bun­des­ge­richt erho­ben.

Das Bun­des­ge­richt wie­der­hol­te zunächst, dass nach stän­di­ger Recht­spre­chung eine Betrei­bung nur in Aus­nah­me­fäl­len wegen Rechts­miss­brauchs nich­tig sei. Rechts­miss­bräuch­lich ver­hal­te sich der Gläu­bi­ger, wenn er mit der Betrei­bung offen­sicht­lich Zie­le ver­fol­ge, die nicht das Gering­ste mit der Zwangs­voll­streckung zu tun hät­ten. Aller­dings ste­he es weder dem Betrei­bungs­amt noch der Auf­sichts­be­hör­de zu, die Begründet­heit der in Betrei­bung gesetz­ten For­de­rung zu beur­tei­len. Nich­tig­keit wegen Rechts­miss­brauchs kön­ne hin­ge­gen vor­lie­gen, „wenn mit einer Betrei­bung sach­frem­de Zie­le ver­folgt wer­den, etwa wenn bloss die Kre­dit­wür­dig­keit des (angeb­li­chen) Schuld­ners geschä­digt wer­den soll oder wenn zwecks Schi­ka­ne ein völ­lig über­setz­ter Betrag in Betrei­bung gesetzt wird“ (E. 2.1).

In der Fol­ge hiess das Bun­des­ge­richt die Beschwer­de gut, weil „der qua­li­fi­zier­te Aus­nah­me­fall, wel­cher die Nich­tig­keit der ange­ho­be­nen Betrei­bun­gen zur Fol­ge hät­te“, in casu nicht vor­lie­ge (E. 2.4). Die Beschwer­de gemäss Art. 17 SchKG dür­fe nicht dazu die­nen, die mate­ri­el­le Berech­ti­gung eines in Betrei­bung gesetz­ten Anspruchs zu über­prü­fen. Da der Sinn einer zwi­schen den Par­tei­en geschlos­se­nen Ver­ein­ba­rung umstrit­ten sei und die A. AG mit den Betrei­bun­gen über­dies in erster Linie die Unter­bre­chung der Ver­jäh­rung bezweckt habe, lie­ge kein Rechts­miss­brauch vor:

„Auch wenn die gel­tend gemach­te For­de­rung […] zwei­fel­haft erschei­nen mag, so springt nicht gera­de­zu in die Augen, dass mit den Betrei­bun­gen offen­sicht­lich Zie­le ver­folgt wer­den, die nicht das Gering­ste mit einer Zwangs­voll­streckung zu tun hät­ten.“

Lukas Wiget

Posted by Lukas Wiget

RA Dr. Lukas Wiget, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Blum&Grob Rechtsanwälte AG tätig. Nach dem Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Assistent, später am Bezirksgericht Horgen und in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei. Das LL.M.-Studium absolvierte er in Sydney an der University of New South Wales.