Im vor­lie­gen­den, zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Ent­scheid äusser­te sich das Bun­des­ge­richt zur Pflicht zur Rechts­hil­fe unter Kon­kurs­äm­tern. Dem Urteil lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Über die A. AG mit Sitz im Kan­ton Luzern war der Kon­kurs eröff­net wor­den. C., das ein­zi­ge VR-Mit­glied der Schuld­ne­rin und wohn­haft im Kan­ton Aar­gau, blieb den Ein­la­dun­gen des Kon­kurs­am­tes Kri­ens auf des­sen Amts­stel­le zur Ein­ver­nah­me unent­schul­digt fern. Dar­auf­hin war das Kon­kurs­amt Kri­ens an das Kon­kurs­amt Aar­gau, Amts­stel­le Ober­ent­fel­den, gelangt und hat­te die­ses um rechts­hil­fe­wei­se Ein­ver­nah­me von C. ersucht. Das Kon­kurs­amt Aar­gau wei­ger­te sich jedoch, die Ein­ver­nah­me durch­zu­füh­ren. Sowohl die unte­re wie auch die obe­re Auf­sichts­be­hör­de wie­sen Beschwer­den des Kon­kurs­am­tes Kri­ens ab, wes­halb das Kon­kurs­amt Kri­ens ans Bun­des­ge­richt gelang­te und bean­trag­te, dass das Kon­kurs­amt Aar­gau anzu­wei­sen sei, die Ein­ver­nah­me von C. rechts­hil­fe­wei­se durch­zu­füh­ren.

Das Bun­des­ge­richt erwog zunächst, dass das Kon­kurs­amt Kri­ens zur Beschwer­de legi­ti­miert sei, soweit es um die Inter­es­sen der Mas­se und damit um sol­che der Gesamt­heit der Gläu­bi­ger gehe (E. 1; sie­he auch den Ent­scheid des BGer 5A_90/2015).

In der Sache ging es um die Fra­ge, ob das ersu­chen­de Kon­kurs­amt Kri­ens sich auf die Pflicht zur Rechts­hil­fe zwi­schen Kon­kurs­äm­tern beru­fen kann, oder ob das ersuch­te Kon­kurs­amt Aar­gau die ver­lang­te Amts­hand­lung über­prü­fen und ver­wei­gern darf. 

Das Bun­des­ge­richt stell­te zunächst all­ge­mei­ne Über­le­gun­gen zur Rechts­hil­fe gemäss Art. 4 SchKG an (E. 3.1). Anschlie­ssend erwog das Bun­des­ge­richt, dass die „Ein­ver­nah­me des Schuld­ners durch das Kon­kurs­amt […] zwei­fels­frei eine Amts­hand­lung [ist], wel­che ausser­halb sei­nes Amts­krei­ses nicht direkt mög­lich ist. Zur Ein­ver­nah­me des Schuld­ners ausser­halb sei­nes Amts­krei­ses muss daher das Kon­kurs­amt die Rechts­hil­fe bean­spru­chen.“ Daher sei das requi­rier­te Amt gestützt auf Art. 4 Abs. 1 SchKG zur ver­lang­ten Tätig­keit ver­pflich­tet (E. 3.2.1).

Das Argu­ment der Vor­in­stanz, die Prä­senz­pflicht des Schuld­ners kön­ne gemäss Art. 229 SchKG durch poli­zei­li­che Zufüh­rung erzwun­gen wer­den, so dass die Amts­hil­fe des Kon­kurs­am­tes Aar­gau gar nicht nötig sei, wur­de hin­ge­gen ver­wor­fen, da Art. 229 SchKG die Mit­wir­kungs­pflicht des Schuld­ners gegen­über dem Kon­kurs­amt reg­le (E. 3.2.2). Fer­ner erwog das Bun­des­ge­richt, dass „das requi­rier­te Amt — aus der dar­ge­leg­ten Pflicht zur Rechts­hil­fe her­aus (E. 3.2) — die gesetz­li­che Zuläs­sig­keit der ver­lang­ten Amts­hand­lung all­ge­mein und seit jeher nicht zu unter­su­chen habe, „[…] son­dern die Berech­tig­ten betrei­bungs­recht­li­che Beschwer­de gegen die Anord­nung der betref­fen­den Amts­hand­lung im Kan­ton der requi­rie­ren­den Behör­de erhe­ben kön­nen“ (E. 3.3.1). Auch gestützt auf wei­te­re Über­le­gun­gen zur Auf­sichts­be­fug­nis der Auf­sichts­be­hör­den (E. 3.3.2) kam das Bun­des­ge­richt zum Schluss, dass es gegen Bun­des­recht ver­stösst, wenn die Vor­in­stanz ent­schied, das Kon­kurs­amt Aar­gau habe den Rechts­hil­fe­auf­trag des Kon­kurs­am­tes Kri­ens zurück­wei­sen dür­fen. Dem­ge­mäss wur­de die Beschwer­de gut­ge­hei­ssen und das Kon­kurs­amt Aar­gau ange­wie­sen, den Rechts­hil­fe­auf­trag des Kon­kurs­am­tes Kri­ens aus­zu­füh­ren.

Lukas Wiget

Posted by Lukas Wiget

RA Dr. Lukas Wiget, LL.M, ist als Rechtsanwalt bei Blum&Grob Rechtsanwälte AG tätig. Nach dem Studium an der Universität Zürich arbeitete er zunächst als wissenschaftlicher Assistent, später am Bezirksgericht Horgen und in einer grösseren Zürcher Wirtschaftskanzlei. Das LL.M.-Studium absolvierte er in Sydney an der University of New South Wales.