Mit dem Voll­zug des teil­wei­se all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Gesamt­ar­beits­ver­tra­ges für den fle­xi­blen Alters­rück­tritt im Bau­haupt­ge­wer­be (GAV FAR) ist die Stif­tung für den fle­xi­blen Alters­rück­tritt im Bau­haupt­ge­wer­be (Stif­tung FAR) betraut. Sie stell­te sich auf den Stand­punkt, der Betriebs­teil “Erd­son­den­boh­run­gen” der B. AG sei dem GAV FAR unter­stellt und klag­te Bei­trags­zah­lun­gen von mehr als CHF 200’000 ein. Die B. AG führ­te die Betriebs­tei­le “Fabri­ka­ti­on” (Her­stel­lung von Käl­te­tech­nik-Anla­gen),
“Steue­rungs­bau” (Her­stel­lung von Steue­run­gen und Elek­tro­ta­bleaus),
“Mon­ta­ge” (Mon­ta­ge von Wär­me­pum­pen­an­la­gen), “Ser­vice” (War­tung und
Unter­halt von Käl­te­tech­nik-Anla­gen) und “Erd­son­den­boh­run­gen” (Boh­run­gen,
Ver­le­gen von Erd­son­den, Ver­fül­len des Hohl­raums zwi­schen Son­de und
Bohr­loch; Urteil 9C_229/2015 vom 6. Okto­ber 2015, E. 4.2).

Das Ver­wal­tungs­ge­richt des Kan­tons Bern hiess die Kla­ge der Stif­tung FAR gröss­ten­teils gut. Das Bun­des­ge­richt wies die dage­gen gerich­te­te Beschwer­de in öffent­lich-recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten ab.

Umstrit­ten war, ob die Stif­tung FAR die Bei­trä­ge, die auf die Gel­tungs­dau­er von aArt. 23 Abs. 1 GAV FAR ent­fal­len, im eige­nen Namen bei Gericht gel­tend machen durf­te (E. 3.2). Das Bun­des­ge­richt bejah­te die­se Fra­ge und stell­te fest, dass der Stif­tung FAR eine umfas­sen­de Kla­ge­be­rech­ti­gung zusteht (E. 3.5.3).

Strei­tig und ent­schei­dend war wei­ter, ob der Betriebs­teil “Erd­son­den­boh­run­gen” vom betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich nach Art. 2 Abs. 4 lit. a AVE GAV FAR erfasst wur­de (E. 4.2 i.f.). Nach dem Grund­satz der Tarif­ein­heit gilt ein Gesamt­ar­beits­ver­trag für den gan­zen Betrieb und somit auch für berufs­frem­de Arbeit­neh­mer. Lie­gen jedoch selb­stän­di­ge Betrie­be oder Betriebs­tei­le vor, die eine unter­schied­li­che Zuord­nung recht­fer­ti­gen, kann der Grund­satz der Tarif­ein­heit durch­bro­chen wer­den (E. 4.5.2.1).

Im vor­lie­gen­den Fall gelang­te das Bun­des­ge­richt zum Schluss, dass der Betriebs­teil “Erd­son­den­boh­run­gen”  eine unter­schied­li­che Zuord­nung recht­fer­tig­te und damit in den betrieb­li­chen Gel­tungs­be­reich des GAV FAR fiel. Wört­lich erwog das Bun­des­ge­richt das Fol­gen­de (E. 4.6.2):

“Es mag zwar sein, dass der Betriebs­teil “Erd­son­den­boh­run­gen” nicht sel­ber um Kun­den warb und die frag­li­chen Tätig­kei­ten immer nur im Zusam­men­hang mit dem Kern­ge­schäft der B. AG und in die­sem Sinn als “Fol­ge­ge­schäft” aus­ge­führt wur­den, wie die Beschwer­de­füh­re­rin vor­bringt. Das ändert indes­sen nichts dar­an, dass über den frag­li­chen Betriebs­teil — zusätz­lich zu Erzeug­nis­sen oder Dienst­lei­stun­gen im Bereich der Haus­tech­nik — mit Blick auf ande­re, dem GAV FAR unter­stell­te Erd­son­den­bohr­be­trie­be auf dem glei­chen Markt Lei­stun­gen von glei­cher Art ange­bo­ten und in erheb­li­chem Umfang auch tat­säch­lich erbracht wur­den […]. Selbst wenn die Erd­son­den­boh­run­gen immer eine Zusatz­lei­stung zum Haupt­an­ge­bot der B. AG dar­stell­ten, waren sie damit nicht der­ma­ssen eng ver­bun­den wie es bei­spiels­wei­se Trans­port­lei­stun­gen mit Lei­stun­gen in den Berei­chen Aus­hub, Kies­lie­fe­rung, Abbruch und Deponie/Recycling sind […]. Sie hät­ten denn auch ohne Wei­te­res unab­hän­gig vom übri­gen Tätig­keits­feld der B. AG erfol­gen kön­nen, wes­halb nicht von einer blo­ssen Hilfs­tä­tig­keit gespro­chen wer­den kann. Eben­so ist für eine Unter­stel­lung unter den GAV FAR nicht not­wen­dig, dass sich der frag­li­che Betriebs­teil eigen­stän­dig und direkt um Kun­den für sei­ne Lei­stun­gen bemüht, wäre es doch andern­falls mög­lich, sich durch ent­spre­chen­de Orga­ni­sa­ti­on der Kun­den­ak­qui­si­ti­on der Bei­trags­pflicht zu ent­zie­hen. Schliess­lich steht ausser Fra­ge, dass der hier inter­es­sie­ren­de Betriebs­teil eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit bil­de­te und ihm die ein­zel­nen Arbeit­neh­mer klar zuge­ord­net wer­den konn­ten […].”

Roland Bachmann

Posted by Roland Bachmann

Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).