Im Urteil vom 10. Novem­ber 2015 hat­te das BGer ein Bau­vor­ha­ben hin­sicht­lich der Ein­hal­tung der Aus­nüt­zungs­zif­fer zu beur­tei­len. Im August 2012 bewil­lig­te der Gemein­de­vor­stand von Disen­tis das Bau­ge­such der J. GmbH für die Erstel­lung von zwei weit­ge­hend iden­ti­schen, durch eine unter­ir­di­sche Tief­ga­ra­ge ver­bun­de­ne Vier­fa­mi­li­en­häu­ser. In der Fol­ge wies das Ver­wal­tungs­ge­richt des Kan­tons Grau­bün­den die gegen das Bau­pro­jekt erho­be­ne Beschwer­de ab. Vor BGer rüg­ten die Beschwer­de­füh­rer, dass das Ver­wal­tungs­ge­richt in Will­kür ver­fal­len sei, indem es die Trep­pen­häu­ser nicht zur anre­chen­ba­ren Geschoss­flä­che geschla­gen habe. 

Im ange­foch­te­nen Ent­scheid führ­te das Ver­wal­tungs­ge­richt aus, dass nach Art. 16 Abs. 5 des Bau­ge­set­zes der Gemein­de Disen­tis vom 30. Novem­ber 2008 (BauG) die anre­chen­ba­re Geschoss­flä­che aus der Haupt­nutz­flä­che, der Ver­kehrs­flä­che und der Kon­struk­ti­ons­flä­che bestehe. Die Ver­kehrs­flä­che kön­ne nur Flä­chen umfas­sen, die all­sei­tig umschlos­sen und über­deckt sei­en respek­ti­ve zwi­schen den umschlie­ssen­den oder innen­lie­gen­den Kon­struk­ti­ons­bau­tei­len lägen.

Mit Ver­weis auf Pro­to­kol­le der Bau­kom­mis­si­on kommt das BGer zum Schluss, dass Art. 16 Abs. 5 BauG von der Bau­kom­mis­si­on der Gemein­de ent­spre­chend dem kla­ren Wort­laut ver­stan­den und in dem Sinn ange­wen­det wer­de, dass Trep­pen­häu­ser stets zur anre­chen­ba­ren Geschoss­flä­che zu zäh­len sind, gleich­gül­tig dar­um, ob deren Öff­nun­gen mit Türen und Fen­stern ver­schlos­sen wer­den oder nicht:

Ein voll­stän­dig inner­halb des Gebäu­de­ku­bus lie­gen­des, inter­nes Trep­pen­haus in Bezug auf die Aus­nüt­zung anders zu behan­deln, je nach­dem ob die Fas­sa­den­öff­nun­gen geschlos­sen sind oder nicht, ist sach­lich nicht ver­tret­bar […] (E. 3.2.1.).

Nach den […] Pro­to­kol­len der Bau­kom­mis­si­on hat der Gemein­de­vor­stand (ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Bau­kom­mis­si­on) ange­sichts der spe­zi­el­len wirt­schaft­li­chen Lage der Beschwer­de­geg­ne­rin (“situa­ti­un eco­no­mi­ca spe­cia­la dall’interpresa”) beschlos­sen, die Bau­be­wil­li­gung zu ertei­len, ver­bun­den mit der Auf­la­ge, die Fas­sa­den­öff­nun­gen des Trep­pen­hau­ses nicht zu schlie­ssen. Es ist indes­sen offen­sicht­lich will­kür­lich, ent­ge­gen der kon­stan­ten Pra­xis der Bau­kom­mis­si­on zu Art. 16 Abs. 5 BauG das Trep­pen­haus nicht zur anre­chen­ba­ren Geschoss­flä­che zu zäh­len, um einem sich in wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten befin­den­den Bau­herrn eine höhe­re Aus­nüt­zung und damit wirt­schaft­li­che Vor­tei­le zu ver­schaf­fen. Sol­ches ist im BauG nicht vor­ge­se­hen, sach­fremd und unhalt­bar (E. 3.2.2.).

Das BGer heisst die Beschwer­de gut und hebt den Ent­scheid des Ver­wal­tungs­ge­richts des Kan­tons Grau­bün­den auf.

 

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.