Im Urteil vom 28. Okto­ber 2015 befass­te sich das BGer mit der Durch­füh­rung der Jah­res­kon­fe­renz des Isla­mi­schen Zen­tral­rats Schweiz (IZRS). Im Juni 2014 ersuch­te Nico­las Blan­cho, Prä­si­dent des IZRS, den Ober­amt­mann des Saane­be­zirks um eine Bewil­li­gung (Patent K), um die Jah­res­kon­fe­renz 2014 unter dem Mot­to “Hij­ra — Beginn einer Revo­lu­ti­on” durch­zu­füh­ren. Der Ober­amt­mann kam zum Schluss, dass an der Ver­an­stal­tung Geträn­ke und Spei­sen gegen Ent­gelt abge­ge­ben wür­den, wes­halb eine tem­po­rä­re Bewil­li­gung (Patent K) not­wen­dig sei, die Vor­aus­set­zun­gen für die Ertei­lung der Bewil­li­gung aber nicht erfüllt sei­en. Im Gegen­satz zum Kan­tons­ge­richt des Kan­tons Frei­burg heisst das BGer die vom IZRS gegen den Ent­scheid des Ober­amt­manns erho­be­ne Beschwer­de gut.

Das BGer hält ein­lei­tend fest, dass es im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ein­zig dar­um gehe, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen es mit der Ver­samm­lungs­frei­heit (Art. 24 KV [Ver­fas­sung des Kan­tons Frei­burg, SGF 10.1],  Art. 22 BV, Art. 11 EMRK und Art. 21 UNO-Pakt II) ver­ein­bar ist, eine zwar publi­kumsof­fe­ne, aber von Pri­va­ten auf pri­va­tem Grund bzw. in dafür pri­vat­recht­lich ange­mie­te­ten Räum­lich­kei­ten durch­zu­füh­ren­de Ver­an­stal­tung zu ver­bie­ten.

Gemäss Auf­fas­sung des BGer kön­ne die Ver­samm­lungs­frei­heit nicht gestützt auf das ÖGG (Gesetz über die öffent­li­chen Gast­stät­ten, SGF 952.1) ein­ge­schränkt wer­den, denn die im ÖGG nor­mier­te gast­wirt­schaft­li­che Bewil­li­gungs­pflicht knüp­fe ein­zig an die ent­gelt­li­che Abga­be von Spei­sen und Geträn­ken zur Kon­su­ma­ti­on an Ort und Stel­le an. Zur Anwend­bar­keit der poli­zei­li­chen Gene­ral­klau­sel führt das BGer fol­gen­des aus:

Die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel kann nach Art. 36 Abs. 1 BV eine feh­len­de gesetz­li­che Grund­la­ge erset­zen und — selbst schwer­wie­gen­de — Ein­grif­fe in Grund­rech­te legi­ti­mie­ren, wenn und soweit die öffent­li­che Ord­nung und fun­da­men­ta­le Rechts­gü­ter des Staa­tes oder Pri­va­ter gegen schwe­re und zeit­lich unmit­tel­bar dro­hen­de Gefah­ren zu schüt­zen sind, die unter den kon­kre­ten Umstän­den nicht anders abge­wen­det wer­den kön­nen als mit gesetz­lich nicht aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Mit­teln; die­se müs­sen aller­dings mit den all­ge­mei­nen Prin­zi­pi­en des Ver­fas­sungs- und Ver­wal­tungs­rechts, ins­be­son­de­re dem Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ssig­keit, ver­ein­bar sein […] (E. 3.3.).

Vor dem Hin­ter­grund des Gesag­ten kön­ne die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, um eine gene­rel­le Bewil­li­gungs­pflicht für bestimm­te Ver­samm­lun­gen auf pri­va­tem Grund, wel­che die öffent­li­che Ord­nung und Sicher­heit poten­ti­ell ernst­haft bedroh­ten, ein­zu­füh­ren, denn eine sol­che The­ma­tik sei einer gesetz­li­chen Rege­lung zugäng­lich und den Frei­bur­ger Behör­den bekannt gewe­sen. Hin­ge­gen sei es gestützt auf die poli­zei­li­che Gene­ral­klau­sel mög­lich, eine Ver­samm­lung in einem kon­kre­ten Fall zu ver­bie­ten, wenn von ihrer Durch­füh­rung eine kon­kre­te Gefahr für die öffent­li­che Ord­nung und Sicher­heit, für Leib und Leben der Teil­neh­mer oder Drit­ter aus­ge­he. Obwohl seit dem Auf­kom­men des “Isla­mi­schen Staa­tes” und der grenz­über­schrei­ten­den Aus­übung von Ter­ror auch für die Schweiz von einer erhöh­ten Gefähr­dung aus­ge­gan­gen wer­den müs­se, sei­en kei­ne kon­kre­ten Hin­wei­se dafür ersicht­lich, dass der Kan­ton Frei­burg davon beson­ders betrof­fen wäre. Sodann sei auch nicht ersicht­lich, dass vor der Durch­füh­rung der ver­bo­te­nen Ver­samm­lung eine unmit­tel­ba­re Gefahr für die öffent­li­che Ord­nung aus­ge­gan­gen wäre. Das durch den Ober­amt­mann aus­ge­spro­che­ne Ver­samm­lungs­ver­bot ist laut BGer des­halb unver­hält­nis­mä­ssig und die Jah­res­ver­samm­lung 2014 des IZRS ist zu Unrecht ver­bo­ten wor­den.

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.