Dem Bun­des­ge­richt bot sich in die­sem Urteil die Gele­gen­heit, sich zum Anwen­dungs­be­reich von Art. 15 Abs. 1 lit. c LugÜ zu äussern.

Gegen­stand des Ver­fah­rens war die Kla­ge einer Gen­fer Banknie­der­las­sung gegen ihren in Frank­reich, nahe der Schwei­zer Gren­ze wohn­haf­ten Kun­den, da des­sen Kon­to eine Unter­deckung auf­wies. Gestützt auf die von den Par­tei­en anläss­lich der Begrün­dung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses abge­schlos­se­ne Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung lei­te­te die Bank die Kla­ge in Genf ein. Der Bank­kun­de erhob im Pro­zess unter ande­rem die Ein­re­de der Unzu­stän­dig­keit, da die Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ungül­tig sei. Er mach­te gel­tend, ein Kon­su­ment im Sin­ne von Art. 15 LugÜ zu sein, wes­halb gemäss Art. 16 f. LugÜ die Kla­ge an sei­nem Wohn­sitz in Frank­reich hät­te anhän­gig gemacht wer­den müs­sen.

Für das Bun­des­ge­richt stell­te sich die Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen von Art. 15 Abs. 1 lit. c LugÜ erfüllt waren. Die­se Bestim­mung setzt all­ge­mein vor­aus, dass der streit­ge­gen­ständ­li­che Ver­trag nicht der beruf­li­chen oder gewerb­li­chen Tätig­keit einer Par­tei (dem Kon­su­men­ten) zuge­rech­net wer­den kann. Zusätz­lich muss die ande­re Ver­trags­par­tei ent­we­der eine beruf­li­che oder gewerb­li­che Tätig­keit im Wohn­sitz­staat des Kon­su­men­ten aus­üben (Art. 15 Abs. 1 lit. c 1. Halb­satz LugÜ) oder ihre Tätig­keit auf den Wohn­sitz­staat des Kon­su­men­ten aus­rich­ten (Art. 15 Abs. 1 lit. c 2. Halb­satz LugÜ).

Gemäss Bun­des­ge­richt setzt die­se Zusatz­be­din­gung vor­aus, dass der streit­ge­gen­ständ­li­che Ver­trag mit dem Wohn­sitz­staat des Kon­su­men­ten im Zusam­men­hang steht. Ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se besteht nur bei dem­je­ni­gen Kon­su­men­ten, der in sei­nem Wohn­sitz­staat bewor­be­ne Waren oder Dienst­lei­stun­gen eines aus­län­di­schen Anbie­ters in Anspruch nimmt. Ein Kon­su­ment, der sich aus eige­ner Initi­ta­ti­ve an einen aus­län­di­schen Anbie­ter wen­det, ohne hier­zu durch ein Ange­bot oder Wer­bung in sei­nem Wohn­sitz­staat ver­an­lasst wor­den zu sein, ist sich hin­ge­gen über den inter­na­tio­na­len Cha­rak­ter des Ver­tra­ges im Kla­ren. Zudem akzep­tiert ein sol­cher Kon­su­ment das Risi­ko, einen Pro­zess im Aus­land füh­ren zu müs­sen (E. 3.1).

Das Bun­des­ge­richt erach­te­te die Vor­aus­set­zun­gen von Art. 15 Abs. 1 lit. c LugÜ im vor­lie­gen­den Fall als nicht erfüllt. Einer­seits ver­wies es auf die ver­bind­li­chen Fest­stel­lun­gen der Vor­in­stanz, wonach die Bank zwar in Frank­reich über Toch­ter­ge­sell­schaf­ten und Nie­der­las­sun­gen ver­fügt, die­se jedoch in kei­ner Art und Wei­se in das lau­fen­de Ver­trags­ver­hält­nis mit dem beklag­ten Bank­kun­den invol­viert waren. Viel­mehr wur­den sämt­li­che Hand­lun­gen aus Genf her­aus vor­ge­nom­men, wes­halb — so das Bun­des­ge­richt — die Bank hin­sicht­lich die­ses Bank­kun­den kei­ne beruf­li­che oder gewerb­li­che Tätig­keit in des­sen Wohn­sitz­staat aus­üb­te (E. 3.2).

Ande­rer­seits hielt das Bun­des­ge­richt fest, dass die Bank ihre Tätig­keit in Genf nicht auf Frank­reich aus­ge­rich­tet hat. Die Vor­in­stanz hat­te dies­be­züg­lich ver­bind­lich fest­ge­stellt, dass die Bank kei­ner­lei Wer­bung betreibt, mit dem Ziel, Kon­su­men­ten ausser­halb der Schweiz dazu zu brin­gen, mit einer Schwei­zer Nie­der­las­sung der Bank in Kon­takt zu tre­ten. Aus der Tat­sa­che, dass Schwei­zer Ban­ken im Aus­land einen sehr guten Rut genie­ssen, kann gemäss Bun­des­ge­richt nicht abge­lei­tet wer­den, dass eine Schwei­zer Bank ihre Tätig­keit im Sin­ne des LugÜ auf das Aus­land aus­rich­tet. Viel­mehr han­delt es sich dabei um ein cha­rak­te­ri­sti­sches Merk­mal die­ses Schwei­zer Wirt­schafts­sek­tors (E. 3.3).

Der ein­ge­klag­te Bank­kun­de — so das Bun­des­ge­richt abschlie­ssend — ent­schied aus eige­nem Antrieb, mit einer Nie­der­las­sung in Genf in ein Ver­trags­ver­hält­nis zu tre­ten. Damit bleibt kein Raum für die Anwen­dung von Art. 15 Abs. 1 lit. c LugÜ (E. 3.4):

L’art. 15 par. 1 let. c CL ne vise pas spé­ci­fi­que­ment ce type de rela­ti­on de voi­si­na­ge trans­fron­ta­lier, où le con­som­ma­teur n’a pas besoin d’une pro­tec­tion juri­di­que par­ti­cu­liè­re par­ce qu’il trai­te couram­ment avec des four­nis­seurs de l’Etat limitro­phe et qu’il peut tout aus­si couram­ment assu­mer le ris­que d’un pro­cès dans cet Etat.

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).