Im zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Ent­scheid vom 11. Dezem­ber 2015 äusser­te sich das BGer zur Fra­ge, ob Auto­no­mie der Schul­ge­mein­de für den Erlass und die Anwen­dung einer Rege­lung besteht, die das Tra­gen von Kopf­be­deckun­gen jeg­li­cher Art wäh­rend des Unter­richts unter­sagt. Am ersten Schul­tag nach den Som­mer­fe­ri­en erschien ein im Jahr 2001 gebo­re­nes Mäd­chen in Beglei­tung ihrer Mut­ter in der Schu­le St. Mar­gre­then und trug ein isla­mi­sches Kopf­tuch, wel­ches das Haar und den Hals bedeckt (Hijab). Die Schul­lei­tung wies Mut­ter und Toch­ter auf die Schul­ord­nung der Schul­ge­mein­de St. Mar­gre­then hin, die das Tra­gen von Kopf­be­deckung jeg­li­cher Art wäh­rend des Unter­richts unter­sagt. Sodann wur­de dem Vater der Schü­le­rin anläss­lich eines Gesprächs eine Ver­fü­gung aus­ge­hän­digt, in wel­cher fest­ge­hal­ten wur­de, dass für die Schü­le­rin kei­ne Aus­nah­me vom Kopf­tuch­ver­bot gel­te. Nach­dem das Ver­wal­tungs­ge­richt des Kan­tons St. Gal­len eine Beschwer­de der Eltern der Schü­le­rin gut­hiess, gelang­te der Schul­rat St. Mar­gre­then an das BGer, wel­che die Beschwer­de abweist. 

Das BGer äussert sich zunächst zum Schutz­be­reich der in Art. 15 BV nor­mier­ten Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit und hält fest, dass die von Art. 15 Abs. 2 und 3 BV gewähr­lei­ste­te Reli­gi­ons­aus­übung über den Neu­tra­li­täts­grund­satz des Staats und kul­ti­sche Hand­lun­gen hin­aus die Beach­tung reli­giö­ser Gebräu­che und Gebo­te sowie ande­re Äusse­run­gen des reli­giö­sen Lebens, soweit sol­che Ver­hal­tens­wei­sen Aus­druck der reli­giö­sen Über­zeu­gung bil­den, schützt. Sodann macht das BGer die fol­gen­de Ergän­zung:

Das gilt auch für Reli­gi­ons­be­kennt­nis­se, wel­che die auf den Glau­ben gestütz­ten Ver­hal­tens­wei­sen sowohl auf das gei­stig-reli­giö­se Leben wie auch auf wei­te­re Berei­che des all­täg­li­chen Lebens bezie­hen […]; auch reli­gi­ös moti­vier­te Beklei­dungs­vor­schrif­ten sind vom Schutz von Art. 15 BV erfasst […]. Das aus Art. 15 Abs. 4 BV abge­lei­te­te Gleich­be­hand­lungs­ge­bot umfasst fol­ge­rich­tig auch Beklei­dung, die mit Reli­gio­nen in Ver­bin­dung gebracht wird, wie neben dem Kopf­tuch etwa die jüdi­sche Kip­pa oder das Habit christ­li­cher Ordens­schwe­stern und -brü­der oder Sym­bo­le wie sicht­bar getra­ge­ne Kreu­ze […] (E. 3.6.).

Da das Ver­bot des Tra­gens des Kopf­tuchs einen Ein­griff in den Schutz­be­reich der Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit der Schü­le­rin bzw. ihrer Eltern als Erzie­hungs­be­rech­tig­ten bewir­ke, prüft das BGer in einem wei­te­ren Schritt, inwie­fern die­ser Ein­griff anhand der Grund­sät­ze von Art. 36 BV gerecht­fer­tigt wer­den kann. Im Zen­trum steht dabei Art. 36 Abs. 2 BV, wonach Ein­schrän­kun­gen von Grund­rech­ten durch ein öffent­li­ches Inter­es­se oder durch den Schutz von Grund­rech­ten Drit­ter gerecht­fer­tigt sein müs­sen.

Das öffent­li­che Inter­es­se an einem kon­fes­sio­nell neu­tra­len Bil­dungs­auf­trag der Schu­len kön­ne dabei — so das BGer — vom Beschwer­de­füh­rer nicht ange­ru­fen wer­den, da die Schü­le­rin kei­ner Neu­tra­li­täts­pflicht unter­wor­fen sei und mit der Zulas­sung des Tra­gens eines reli­giö­sen Sym­bols durch die Schü­le­rin kei­ne Iden­ti­fi­zie­rung der öffent­li­chen Schu­le mit einem bestimm­ten Glau­ben ver­bun­den sei.

Das­sel­be gel­te für das öffent­li­che Inter­es­se an einem geord­ne­ten und stö­rungs­frei­en Schul­be­trieb. Da das Tra­gen des Kopf­tuchs als sol­ches kein “rück­sichts­lo­ses Ver­hal­ten” dar­stel­le und die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Schü­le­rin mit den Lehr­per­so­nen durch den Hijab in kei­ner Wei­se beein­träch­tigt sei, sei das Kopf­tuch­ver­bot nicht geeig­net, einen geord­ne­ten Schul­be­trieb zu errei­chen.

Schliess­lich ver­let­ze eine Schü­le­rin mit Kopf­tuch auch nicht die nega­ti­ve Reli­gi­ons­frei­heit der Mit­schü­ler (Grund­rech­te Drit­ter), denn vom Tra­gen der Kopf­be­deckung allein — und dies gel­te ent­spre­chend auch für ande­re reli­giö­se Sym­bo­le — gehe kein wer­ben­der oder mis­sio­na­ri­scher Effekt aus und ein Zwang für ande­re Schü­ler, in eine reli­giö­se Hand­lung ein­be­zo­gen zu wer­den, lie­ge durch das Tra­gen eines Kopf­tuchs durch eine Mit­schü­le­rin nicht vor. 

Vor die­sem Hin­ter­grund erwei­se sich in einer öffent­li­chen Schu­le, die für athe­isti­sche aber auch ver­schie­de­ne reli­giö­se Bekennt­nis­se offen ist, das Kopf­tuch­ver­bot als unver­hält­nis­mä­ssig.

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.