Der Erb­las­ser X. wur­de in Frank­reich gebo­ren, erwarb die Schwei­zer Staats­an­ge­hö­rig­keit durch Hei­rat, liess sich spä­ter schei­den und leb­te danach unge­fähr 17 Jah­re lang mit Z. im Kan­ton Waadt zusam­men.

X. ver­starb in Flo­ri­da (USA), hat­te damals aber sein offi­zi­el­les Domi­zil in Dubai (Ver­ei­nig­te Ara­bi­sche Emi­ra­te). Die Erben von X. sind des­sen Söh­ne X.A. und X.B., die ihren Wohn­sitz in Madrid (Spa­ni­en) bzw. in Lyon (Frank­reich) haben.

Der Erb­las­ser hat­te zu Leb­zei­ten zahl­rei­che Bücher ver­öf­fent­licht, ver­schie­de­ne Pro­duk­te und Dienst­lei­stun­gen kom­mer­zia­li­siert und eine Web­sei­te mit Club betrie­ben. Er war Inha­ber zahl­rei­cher Bank­kon­ten in der Schweiz und besass Lie­gen­schaf­ten in Por­tu­gal, Bra­si­li­en, Dubai, Mia­mi und in der Schweiz.

Frau Z. mach­te gel­tend, sie sei die Kon­ku­bi­ne von X. gewe­sen und habe mit die­sem eine ein­fa­che Gesell­schaft gebil­det betref­fend die geschäft­li­chen Akti­vi­tä­ten von X. Die bei­den Söh­ne bestrit­ten die­se Sach­dar­stel­lung, wor­auf Z. in der Waadt vor der Cham­bre Patri­mo­nia­le Vau­doi­se auf Auf­lö­sung der ein­fa­chen Gesell­schaft und Ein­set­zung eines Liqui­da­tors klag­te. Das Ver­fah­ren wur­de vor­erst auf die Fra­ge der Zustän­dig­keit beschränkt.

Die Cham­bre Patri­mo­nia­le ver­nein­te sei­ne Zustän­dig­keit und trat auf die Kla­ge nicht ein. Das Appel­la­ti­ons­ge­richt (Cour d’appel civi­le du Tri­bu­nal can­to­nal du can­ton de Vaud) bejah­te indes­sen die Zustän­dig­keit und wies die Streit­sa­che an die erste Instanz zurück. Die dage­gen erho­be­ne Beschwer­de wies das Bun­des­ge­richt ab (Urteil 4A_445/2015 vom 23. Juni 2016).

Das Bun­des­ge­richt unter­such­te zuerst, ob die Streit­sa­che auf­grund von Art. 1 Abs. 2 lit. a LugÜ vom Anwen­dungs­be­reich des Luga­no-Über­ein­kom­mens aus­ge­schlos­sen war (E. 4.2) und ver­nein­te das Vor­lie­gen einer sol­chen Aus­nah­me (E. 4.2.2 und 4.2.3).

Danach ver­nein­te das Bun­des­ge­richt eine aus­schliess­li­che Zustän­dig­keit nach Art. 22 Ziff. 2 LugÜ (E. 5 und E. 5.2). Die Klä­ge­rin hat­te nicht dar­ge­legt, dass die von ihr gel­tend gemach­te ein­fa­che Gesell­schaft mit­tels Gesell­schafts­ver­trag nach Art. 150 IPRG orga­ni­siert war und ihren Sitz in der Waadt hat­te (E. 5.2 und 5.3).

Das Bun­des­ge­richt bejah­te aber schliess­lich eine Zustän­dig­keit nach Art. 5 Ziff. 1 lit. a LugÜ am ver­trag­li­chen Erfül­lungs­ort (E. 6). Da für den gel­tend gemach­ten Gesell­schafts­ver­trag kei­ne Rechts­wahl getrof­fen wur­de, unter­lag die ein­fa­che Gesell­schaft nach Art. 117 Abs. 1 IPRG dem Recht des Staa­tes, zu der sie den eng­sten Zusam­men­hang auf­wies (E. 6.1.4). Bei­de Kon­ku­bi­nats­part­ner leb­ten jah­re­lang in der Schweiz und die beruf­li­chen Akti­vi­tä­ten von X. wie­sen einen engen Zusam­men­hang mit der Schweiz auf, wes­halb eine Zustän­dig­keit am Erfül­lungs­ort der Liqui­da­ti­ons­for­de­rung und damit am Wohn­sitz von Z. in der Waadt gege­ben war (E. 6.2.2).

Roland Bachmann

Posted by Roland Bachmann

Roland Bachmann ist Partner bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Sein Schwerpunkt als Wirtschaftsanwalt ist die Prozessführung. Vor seiner Tätigkeit in der Advokatur arbeitete Roland Bachmann als juristischer Sekretär des Obergerichts Zürich und des Bezirksgerichts Zürich. Er studierte an den Universitäten von Zürich, Tours (Frankreich) und Ann Arbor in Michigan (USA).