Gegen­stand die­ses Urteils bil­de­te ein Gesuch um Anord­nung der zur Besei­ti­gung eines Orga­ni­sa­ti­ons­man­gels bei einer Akti­en­ge­sell­schaft not­wen­di­gen Mass­nah­men (Art. 731b OR). Die Akti­en­ge­sell­schaft ver­füg­te auf­grund einer Patt­si­tua­ti­on im Aktio­na­ri­at über kei­nen Ver­wal­tungs­rat mehr.

Zwei Aktio­nä­re der Gesell­schaft nah­men als Neben­in­ter­ve­ni­en­ten auf Sei­ten der Akti­en­ge­sell­schaft und ein Aktio­när nahm als Neben­in­ter­ve­ni­ent auf Sei­ten der Gesuch­stel­le­rin­nen am Ver­fah­ren teil. Das Bezirks­ge­richt Appen­zell I.Rh. ver­such­te in einer Par­tei­ver­hand­lung zunächst, zwi­schen den Haupt­par­tei­en einer­seits und den Neben­in­ter­ve­ni­en­ten ande­rer­seits eine Gesamt­lö­sung für das wei­te­re Vor­ge­hen bzw. die Auf­lö­sung der Akti­en­ge­sell­schaft zu fin­den. Nach­dem dies geschei­tert war, ent­liess das Bezirks­ge­richt die Neben­in­ter­ve­ni­en­ten. In der Fol­ge einig­ten sich die Haupt­par­tei­en auf ein Vor­ge­hen zur Behe­bung des Orga­ni­sa­ti­ons­man­gels. Die­ses sah haupt­säch­lich vor, dass sämt­li­che Inha­ber­ak­ti­en der Akti­en­ge­sell­schaft unter den Aktio­nä­ren ver­stei­gert wer­den. Soll­te die Ver­stei­ge­rung nicht gelin­gen, soll­te die Akti­en­ge­sell­schaft liqui­diert wer­den. Zu die­sem Zweck wur­den die Aktio­nä­re unter ande­rem und unter Straf­an­dro­hung von Art. 292 StGB ver­pflich­tet, ihre Akti­en­zer­ti­fi­ka­te im Ori­gi­nal beim ein­ge­setz­ten Sach­wal­ter der Akti­en­ge­sell­schaft zunächst treu­hän­de­risch und nach erfolg­ter Ver­stei­ge­rung end­gül­tig zu hin­ter­le­gen. Die Haupt­par­tei­en ver­zich­te­ten zudem auf die Ergrei­fung eines Rechts­mit­tels. Das Bezirks­ge­richt geneh­mig­te die­sen Ver­gleich und ord­ne­te ins­be­son­de­re die Her­aus­ga­be der Akti­en­zer­ti­fi­ka­te unter Straf­an­dro­hung an.

Gegen die­sen Ent­scheid erhob einer der Neben­in­ter­ve­ni­en­ten Beru­fung, even­tua­li­ter Beschwer­de. Das Kan­tons­ge­richt Appen­zell I.Rh. trat auf das Rechts­mit­tel man­gels Legi­ti­ma­ti­on des Neben­in­ter­ve­ni­en­ten nicht ein. Es stütz­te sich dabei auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts, wonach ein Neben­in­ter­ve­ni­ent ins­be­son­de­re dann kein Rechts­mit­tel ergrei­fen kann, wenn die Haupt­par­tei sich der Beschwer­de wider­setzt oder das Urteil akzep­tiert, mit­hin aus­drück­lich oder kon­klu­dent den Ver­zicht auf die Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels erklärt (BGE 142 III 271, E. 1.1 (vor­ge­stellt bei Swiss­blawg); BGE 138 III 537, E. 2.2.2).

Der beschwer­de­füh­ren­de Neben­in­ter­ve­ni­ent aner­kann­te die­se Recht­spre­chung. Eben­so bestritt er nicht, dass vor­lie­gend die Haupt­par­tei mit ihrem Ver­zicht auf das Ergrei­fen eines Rechts­mit­tels sich impli­zit der von ihm vor­ge­nom­me­nen Pro­zess­hand­lung wider­setz­te. Er mach­te jedoch gel­tend, dass die­ser Grund­satz im hier zu beur­tei­len­den Fall nicht zur Anwen­dung gelan­gen kön­ne, da sich der Ent­scheid des Bezirks­ge­richts direkt gegen ihn und sein Eigen­tum rich­te, indem die Ver­stei­ge­rung sei­ner Akti­en ange­ord­net und er unter Straf­an­dro­hung ver­pflich­tet wer­de, sei­ne Akti­en­zer­ti­fi­ka­te dem Sach­wal­ter aus­zu­hän­di­gen (E. 2).

Das Bun­des­ge­richt wies zunächst dar­auf hin, dass sich das Urteil des Bezirks­ge­richts grund­le­gend vom Regel­fall einer Neben­in­ter­ven­ti­on unter­schei­de, bei wel­chem das Sachur­teil nur gegen­über den Haupt­par­tei­en voll­streck­bar sei (E. 2.3.3). Die vom Bezirks­ge­richt Appen­zell I.Rh. ange­ord­ne­te Ver­stei­ge­rungs­an­ord­nung sei von der Wir­kung her ver­gleich­bar mit einem Urteil, mit dem ein Beschluss der Gene­ral­ver­samm­lung auf Anfech­tungs­kla­ge hin auf­ge­ho­ben oder mit dem eine Gesell­schaft auf Auf­lö­sungs­kla­ge hin auf­ge­löst wer­de. Ein sol­ches Urteil wir­ke nicht nur zwi­schen den Haupt­par­tei­en, son­dern gegen­über allen an der Gesell­schaft betei­lig­ten Aktio­nä­ren. Auf­grund der Anord­nun­gen des Bezirks­ge­richts, teil­wei­se unter Straf­an­dro­hung nach Art. 292 StGB, kön­ne denn auch das Urteil direkt gegen die Neben­in­ter­ve­ni­en­ten voll­streckt wer­den (E. 2.3.2).

Dar­auf­hin ver­wies das Bun­des­ge­richt auf die in frü­he­ren kan­to­na­len Zivil­pro­zess­ord­nun­gen (Aar­gau, Appen­zell A.Rh., Bern, Frei­burg, Jura, Obwal­den, Solo­thurn, Neu­en­burg) und nach wie vor in Art. 15 Abs. 3 BZP vor­ge­se­he­ne streit­ge­nös­si­sche Neben­in­ter­ven­ti­on. Die­se kam in Fäl­len zur Anwen­dung, in denen das zwi­schen den Haupt­par­tei­en ergan­ge­ne Urteil direk­te Wir­kung auch gegen­über dem Neben­in­ter­ve­ni­en­ten ent­fal­te­te. Im Unter­schied zur gewöhn­li­chen (“abhän­gi­gen”) Neben­in­ter­ven­ti­on erhal­te der Neben­in­ter­ve­ni­ent in der streit­ge­nös­si­schen Neben­in­ter­ven­ti­on die Stel­lung eines Streit­ge­nos­sen. Die­ser kön­ne den Pro­zess unab­hän­gig von der unter­stütz­ten Haupt­par­tei füh­ren und ins­be­son­de­re gegen deren Wil­len ein Rechts­mit­tel ein­le­gen (E. 2.3.4).

Die schwei­ze­ri­sche ZPO ent­hal­te — so das Bun­des­ge­richt wei­ter — kei­ne aus­drück­li­che Bestim­mung zur streit­ge­nös­si­schen Neben­in­ter­ven­ti­on. Dabei las­se sich aus den Mate­ria­li­en nicht ablei­ten, dass der Gesetz­ge­ber die streit­ge­nös­si­sche Neben­in­ter­ven­ti­on habe aus­schlie­ssen wol­len. So gehe aus der Bot­schaft nicht her­vor, wes­halb auf eine aus­drück­li­che Rege­lung ver­zich­tet wor­den sei. Zudem sei den Kom­mis­si­ons­pro­to­kol­len nicht zu ent­neh­men, dass über das Bedürf­nis nach einer ent­spre­chen­den Rege­lung über­haupt dis­ku­tiert wor­den wäre. Viel­mehr erge­be sich aus dem Pro­to­koll einer Sit­zung der Exper­ten­kom­mis­si­on, dass sich der Neben­in­ter­ve­ni­ent “grund­sätz­lich” nicht in Wider­spruch zur Haupt­par­tei set­zen dür­fe. Die­se Aus­sa­ge sug­ge­rie­re, dass es zu die­sem Grund­satz eine Aus­nah­me gebe. Die­se kön­ne nur in den­je­ni­gen Kon­stel­la­tio­nen lie­gen, in wel­chen eine streit­ge­nös­si­sche Neben­in­ter­ven­ti­on zur Anwen­dung gelan­ge; denn nur dort wer­de die Regel durch­bro­chen, wonach sich der Neben­in­ter­ve­ni­ent nicht in Wider­spruch zur Haupt­sa­che set­zen dür­fe (E. 2.3.5).

Das Bun­des­ge­richt ver­wies anschlie­ssend auf die in der Leh­re zur eid­ge­nös­si­schen ZPO ver­tre­te­nen Ansich­ten zur Zuläs­sig­keit der streit­ge­nös­si­schen Neben­in­ter­ven­ti­on. Es folg­te der­je­ni­gen Mei­nung, wel­che die man­geln­de aus­drück­li­che Rege­lung zwar bedau­ert, aber dar­auf hin­weist, dass sich die Zuläs­sig­keit der streit­ge­nös­si­schen Neben­in­ter­ven­ti­on bereits aus dem mate­ri­el­len Bun­des­recht erge­be und damit nach wie vor zuläs­sig sein müs­se (E. 2.3.6):

…wenn ein Urteil nicht nur mit­tel­ba­re Inter­ven­ti­ons­wir­kung, son­dern kraft mate­ri­el­len Rechts direk­te Wir­kun­gen (Rechts­kraft, Gestal­tungs­wir­kung oder Voll­streck­bar­keit) gegen­über dem Neben­in­ter­ve­ni­en­ten ent­fal­tet, kann es dem Neben­in­ter­ve­ni­en­ten nicht ver­wehrt sein, sich zu den Hand­lun­gen der unter­stütz­ten Haupt­par­tei in Wider­spruch zu set­zen (…). Das recht­li­che Gehör der inter­ve­nie­ren­den Per­son nach Art. 29 Abs. 2 BV bzw. Art. 6 Ziff. 1 EMRK wür­de mit der abhän­gi­gen Stel­lung, wel­che ihr Art. 76 Abs. 2 ZPO zuweist, nicht adäquat sicher­ge­stellt, wenn sich Fol­gen eines nach­tei­li­gen Han­delns der Haupt­par­tei in direk­ten Urteils­wir­kun­gen nie­der­schla­gen und nicht mit der excep­tio male gesti pro­ces­sus nach Art. 77 ZPO abge­fe­dert wer­den kön­nen(…).

Gestützt auf die­se Über­le­gun­gen erwog das Bun­des­ge­richt in die­sem Ver­fah­ren, dass über das Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel­ge­such wie bei einer akti­en­recht­li­chen Anfech­tungs- oder Auf­lö­sungs­kla­ge in einem Urteil ent­schie­den wer­de, wel­ches (E. 2.3.7)

gegen­über allen Aktio­nä­ren kraft mate­ri­el­len Rechts not­wen­di­ger­wei­se direk­te Wir­kun­gen ent­fal­tet, die nicht nach Art. 77 ZPO in einem Fol­ge­pro­zess besei­tigt oder abge­mil­dert wer­den kön­nen. (…) Betei­ligt sich ein Aktio­när aus frei­en Stücken als Neben­par­tei am Ver­fah­ren, muss ihm mit Blick auf die für ihn poten­ti­ell nach­tei­li­gen Wir­kun­gen des Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel­ur­teils die Stel­lung eines streit­ge­nös­si­schen Neben­in­ter­ve­ni­en­ten zukom­men, der auch gegen den Wil­len der Haupt­par­tei ein Rechts­mit­tel ergrei­fen kann.

Der Ent­scheid des Kan­tons­ge­richts wur­de des­halb auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ent­schei­dung zurück­ge­wie­sen. 

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).