Im vor­lie­gen­den Ent­scheid muss­te sich das Bun­des­ge­richt zur Fra­ge äussern, ob ein ägyp­ti­scher “acte d’hoirie” (sinn­ge­mäss ein Erb­schein) mit dem schwei­ze­ri­schen Ord­re public (Art. 27 Abs. 1 IPRG) ver­ein­bar ist.

Dem Ent­scheid lag zusam­men­ge­fasst der fol­gen­de Sach­ver­halt zugrun­de: Ein ägyp­ti­scher Staats­bür­ger mus­li­mi­schen Glau­bens ver­starb im März 2007 in Paris. Er hin­ter­liess weder Nach­kom­men noch Eltern, wur­de jedoch von sei­ner Ehe­frau, einer deut­sche Staats­bür­ge­rin christ­li­chen Glau­bens, über­lebt, wel­che er im Jahr 1980 nach den Recht von Ägyp­ten und der Scha­ria gehei­ra­tet hat­te. Neben sei­ner Ehe­frau hin­ter­liess der Erb­las­ser Brü­der und Schwe­stern. Der Nach­lass bestand aus Immo­bi­li­en in Frank­reich und Ägyp­ten sowie aus Ver­mö­gens­wer­ten bei Ban­ken in Frank­reich, Deutsch­land und der Schweiz.

Ein ägyp­ti­sches Gericht stell­te im Mai 2007 einen sog. “acte d’hoirie” aus, in wel­chem der Tod des Erb­las­sers fest­ge­stellt und als ein­zi­ge Erben die Brü­der und Schwe­stern des Ver­stor­be­nen unter Aus­schluss der Ehe­frau auf­ge­führt wur­den.

Um über die Ver­mö­gens­wer­te in der Schweiz ver­fü­gen zu kön­nen, ver­lang­ten die Brü­der und Schwe­stern des Ver­stor­be­nen im Jahr 2010 die Aner­ken­nung des ägyp­ti­schen “acte d’hoirie” beim Tri­bu­nal de pre­miè­re instan­ce de Genè­ve. Das erst­in­stanz­li­che Gericht aner­kann­te den “Erb­schein” und erklär­te ihn als in der Schweiz voll­streck­bar. Dage­gen leg­te die Ehe­frau des Ver­stor­be­nen ein Rechts­mit­tel beim Cour de justi­ce de Genè­ve ein. Der Cour de justi­ce annu­lier­te den Ent­scheid des erst­in­stanz­li­chen Gerichts. Die Brü­der und Schwe­stern leg­ten gegen den Ent­scheid des Cour de justi­ce de Genè­ve Beschwer­de in Zivil­sa­chen, even­tua­li­ter sub­si­diä­re Ver­fas­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ge­richt ein.

Das Bun­des­ge­richt hielt vor­ab fest, dass die Qua­li­fi­ka­ti­on eines aus­län­di­schen Aktes nach der lex fori vor­zu­neh­men ist, d.h. vor­lie­gend nach schwei­ze­ri­schem Recht. Der streit­ge­gen­ständ­li­che “acte d’hoirie” stel­le ein Erb­schein dar. Das Bun­des­ge­richt stell­te mit Bezug auf die Qua­li­fi­ka­ti­on des Erb­scheins als (sinn­ge­mäss) vor­sorg­li­che Mass­nah­me klar, dass die Kogni­ti­on des Bun­des­ge­richts gleich­wohl nicht im Sin­ne von Art. 98 BGG auf die Rüge der Ver­let­zung von ver­fas­sungs­mä­ssi­gen Rech­ten beschränkt sei (E. 2.3.).

Das Bun­des­ge­richt führt wei­ter aus, dass gemäss Art. 27 Abs. 1 IPRG ein im Aus­land ergan­ge­ner Ent­scheid in der Schweiz nicht aner­kannt wer­de, wenn die Aner­ken­nung mit dem schwei­ze­ri­schen Ord­re public offen­sicht­lich unver­ein­bar wäre; mit ande­ren Wor­ten, wenn ein Ent­scheid die fun­da­men­ta­len Prin­zi­pi­en der schwei­ze­ri­schen Rechts­ord­nung auf nicht tole­rier­ba­re Wei­se ver­letzt. Als Aus­nah­me­be­stim­mung müs­se der mate­ri­el­le Ord­re public restrik­tiv inter­pre­tiert wer­den und es sei ein genü­gen­der Bezug zum Staat des ange­ru­fe­nen Gerichts erfor­der­lich (E. 3.3.2.).

Gemäss dem ägyp­ti­schen “acte d’hoirie” sind die Brü­der und Schwe­stern des Ver­stor­be­nen die allei­ni­gen Erben unter Aus­schluss der Ehe­frau. Grund­la­ge die­ses Ent­scheids ist das ägyp­ti­sche Recht, wonach zwi­schen Mus­li­men und Nicht­mus­li­men kei­ne Erb­be­rech­ti­gung bestehen kann. Das Bun­des­ge­richt erwog, dass das Resul­tat der Anwen­dung des ägyp­ti­schen “acte d’hoirie” klar gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot auf­grund der reli­giö­sen Anschau­ung ver­sto­sse (Art. 8 Abs. 2 BV, Art. 14 EMRK und Art. 26 Uno Pakt II). Das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot sei Teil des schwei­ze­ri­schen Ord­re public (E. 3.3.5.).

Mit Bezug auf das von den Beschwer­de­füh­rern vor­ge­brach­te Argu­ment des feh­len­den Inland­be­zu­ges wies das Bun­des­ge­richt dar­auf hin, dass es in der Dok­trin umstrit­ten sei, ob die­ser Bezug auch im Fal­le der Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund des Geschlechts, der Ras­se oder der reli­giö­sen Anschau­ung erfor­der­lich sei. Das Bun­des­ge­richt liess die Fra­ge indes offen, weil in casu auf­grund der sich in der Schweiz befin­den­den Ver­mö­gens­wer­te ein genü­gen­der Inland­be­zug vor­lag.

Das Bun­des­ge­richt ver­wei­ger­te die Aner­ken­nung des ägyp­ti­schen “acte d’hoirie” auf­grund des Ver­sto­sses gegen den schwei­ze­ri­schen Ord­re public (Art. 27 Abs. 1 IPRG i.V.m. Art. 31 IPRG). Die Beschwer­de wur­de abge­wie­sen.

Sabine Herzog

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RA Dr. Sabine Herzog, LL.M, arbeitet als Rechtsanwältin bei Baker McKenzie in Zürich und ist schwergewichtig in der Prozessführung und in der Nachlassplanung tätig. Zuvor arbeitete sie als juristische Sekretärin am Bezirksgericht Horgen und am zürcherischen Handelsgericht. Sie hat an den Universitäten Zürich, Paris Ouest Nanterre La Defense (Frankreich) und der Columbia Law School (LL.M.) studiert und hat an der Universität Luzern im Bereich IPR und Erbrecht promoviert.