Zwei Gläu­bi­ger einer im Han­dels­re­gi­ster gelösch­ten Akti­en­ge­sell­schaft (nach­dem der über sie eröff­ne­te Kon­kurs man­gels Akti­ven ein­ge­stellt wor­den war) erho­ben gegen deren ehe­ma­li­gen (allei­ni­gen) Ver­wal­tungs­rat Kla­ge aus akti­en­recht­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit. Das Bezirks­ge­richt hiess die Kla­ge teil­wei­se gut. Das Ober­ge­richt wies die Beru­fung ab und hiess die von den Gläu­bi­gern erho­be­ne Anschluss­be­ru­fung teil­wei­se gut.

Das Bun­des­ge­richt hob auf Beschwer­de des Ver­wal­tungs­rats hin die­sen Ent­scheid auf und wies die Kla­ge der Gläu­bi­ger ab. Es erin­ner­te zunächst dar­an, dass nach der Kon­kurs­er­öff­nung in erster der Kon­kurs­ver­wal­ter berech­tigt sei, die Ver­ant­wort­lich­keits­an­sprü­che der kon­kur­si­ten Gesell­schaft gegen­über den ver­ant­wort­li­chen Organ­mit­glie­der gel­tend zu machen. Ver­zich­tet er dar­auf, könn­ten die Aktio­nä­re und Gesell­schafts­gläu­bi­ger den Scha­den der Gesell­schaft ein­kla­gen. Art. 757 OR begrün­de nach stän­di­ger Recht­spre­chung einen ein­heit­li­chen Anspruch der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit. Der Gesell­schafts­gläu­bi­ger mache den Anspruch aus akti­en­recht­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit im Namen der Gläu­bi­ger­ge­samt­heit gel­tend, sei es gestützt auf Art. 757 OR oder nach Art. 260 SchKG. Er tre­te dabei als Pro­zess­stand­schaf­ter, d.h. als Par­tei in eige­nem Namen auf und neh­me die ver­fah­rens­recht­li­che Stel­lung der Kon­kurs­mas­se ein; die Mas­se sei nicht Par­tei, blei­be aber Rechts­trä­ge­rin der behaup­te­ten Ansprü­che (E. 2.1.2).

Mit der Löschung einer sich in Liqui­da­ti­on befind­li­chen Akti­en­ge­sell­schaft im Han­dels­re­gi­ster gehe deren Rechts­per­sön­lich­keit unter. Damit feh­le der Rechts­trä­ger des Ver­ant­wort­lich­keits­an­spruchs auf Ersatz des Gesell­schafts­scha­dens. Nach der bun­des­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung kön­nen sich Gesell­schafts­gläu­bi­ger auch dann noch auf Art. 757 Abs. 2 OR beru­fen, wenn das Kon­kurs­ver­fah­ren man­gels Akti­ven ein­ge­stellt wor­den sei. Denn ein sol­cher Kon­kurs kön­ne wie­der­eröff­net wer­den, wenn nach­träg­lich noch zur Mas­se gehö­ren­des Ver­mö­gen der Gesell­schaft ent­deckt wer­de, z.B. ein Ver­ant­wort­lich­keits­an­spruch. Vor­aus­ge­setzt ist dabei jedoch, dass der Gesell­schafts­gläu­bi­ger die Wie­der­ein­tra­gung der Akti­en­ge­sell­schaft im Han­dels­re­gi­ster ver­lan­ge. Damit wer­de der Rechts­trä­ger des Ver­ant­wort­lich­keits­an­spruchs wie­der kon­sti­tu­iert und dem Gesell­schafts­gläu­bi­ger ermög­licht, zunächst eine Kol­lo­ka­ti­on sei­ner For­de­rung gegen­über der Gesell­schaft zu erwir­ken. Anschlie­ssend kön­ne er eine Abtre­tung des Pro­zess­füh­rungs­rechts nach Art. 260 SchKG ver­lan­gen oder den Anspruch auf Ersatz sei­nes mit­tel­ba­ren Gläu­bi­ger­scha­dens gestützt auf Art. 757 Abs. 2 OR gel­tend machen (E. 2.1.3).

Ohne Wie­der­ein­tra­gung der Akti­en­ge­sell­schaft als Gemein­schuld­ne­rin waren die kla­gen­den Gläu­bi­ger somit nicht zur Gel­tend­ma­chung des Gesell­schafts­scha­dens legi­ti­miert (E. 2.3).

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).