Dem Urteil lag fol­gen­der Sach­ver­halt zugrun­de:

Das voll libe­rier­te Akti­en­ka­pi­tal der A. AG ist auf­ge­teilt in 380 Namen­ak­ti­en zu CHF 1’000 (Stamm­ak­ti­en) und 1’200 Namen­ak­ti­en zu CHF 100 (Stimm­rechts­ak­ti­en). Anläss­lich der ordent­li­chen Gene­ral­ver­samm­lung stan­den sich zwei Lager gegen­über: einer­seits die Aktio­nä­re C.B. und D.B., die zusam­men über eine Kapi­tal­be­tei­li­gung von CHF 250’000 und eine Stimm­kraft von 1’330 Stim­men ver­füg­ten; ande­rer­seits die Aktio­nä­rin E.B., die eine Kapi­tal­be­tei­li­gung von CHF 250’000 und eine Stimm­kraft von 250 Stim­men ver­trat.

E.B. lehn­te den Antrag des Ver­wal­tungs­rats, die Revi­si­ons­stel­le wie­der­zu­wäh­len, ab. Ent­spre­chend ihrer Kapi­tal­be­tei­li­gung von 50 % des Akti­en­ka­pi­tals wur­de des­halb kei­ne Revi­si­ons­stel­le gewählt.

Der Ver­wal­tungs­rat beschloss dar­auf­hin (gegen die Stim­men von E.B.), eine ausser­or­dent­li­che Gene­ral­ver­samm­lung ein­zu­be­ru­fen, um die Sta­tu­ten zu ändern und die Wie­der­wahl der bis­he­ri­gen Revi­si­ons­stel­le zu bean­tra­gen. Die gel­ten­den Sta­tu­ten sahen unter ande­rem vor, dass bei Stim­men­gleich­heit bei Wah­len das Los ent­schei­de. Mit der Sta­tu­ten­än­de­rung soll­te die­ser Los­ent­scheid abge­schafft und auch bei Stim­men­gleich­heit bei Wah­len der Prä­si­dent des Ver­wal­tungs­rats mit Stich­ent­scheid ent­schei­den.

An der ausser­or­dent­li­chen Gene­ral­ver­samm­lung stimm­ten C.B. und D.B. der Sta­tu­ten­än­de­rung zu, E.B. stimm­te dage­gen. Nach­dem sodann C.B. und D.B. für und E.B. gegen die Wie­der­wahl der bis­he­ri­gen Revi­si­ons­stel­le gestimmt hat­ten, wur­de Letz­te­re mit Stich­ent­scheid des Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­ten wie­der­ge­wählt.

E.B. erhob dar­auf­hin erfolg­reich Kla­ge vor dem Han­dels­ge­richt Aar­gau, wel­ches die bei­den ange­foch­te­nen, an der ausser­or­dent­li­chen Gene­ral­ver­samm­lung gefass­ten Beschlüs­se auf­hob.

Das Bun­des­ge­richt wies die von der A. AG erho­be­ne Beschwer­de ab.

Hin­sicht­lich der Wahl der Revi­si­ons­stel­le wies das Bun­des­ge­richt dar­auf hin, dass — vor­be­hält­lich einer abwei­chen­den Rege­lung in den Sta­tu­ten — für die Wahl des Ver­wal­tungs­rats und damit min­de­stens indi­rekt auch des­sen Prä­si­den­ten die Mehr­heit der Akti­en­stim­men (und nicht die Kapi­tal­mehr­heit) mass­ge­bend sei (Art. 693 OR, Art. 704 OR). Dass eine mit der Stim­men­mehr­heit und dem ent­spre­chen­den Über­ge­wicht der Stimm­rechts­ak­ti­en gewähl­te Per­son indes­sen durch Stich­ent­scheid über die Wahl der Revi­si­ons­stel­le ent­schei­den kön­ne, ver­sto­sse gegen Art. 693 Abs. 3 OR. Denn für die Wahl der Revi­si­ons­stel­le sei der Grund­satz der kapi­tal­mä­ssi­gen Bemes­sung des Stimm­rechts zwin­gend (E. 3.2).

Betref­fend die Sta­tu­ten­än­de­rung bestä­tig­te das Bun­des­ge­richt die von der Vor­in­stanz fest­ge­stell­te Rechts­wid­rig­keit, da die Ände­rung gegen das Gebot der scho­nen­den Rechts­aus­übung ver­sto­sse. Es ver­wies auf die Unzu­läs­sig­keit von sta­tu­ta­ri­schen Beschrän­kun­gen der Ein­fluss­mög­lich­kei­ten von Min­der­heits­ak­tio­nä­ren, wel­che zur Errei­chung der ange­streb­ten gesell­schafts­recht­li­chen Zie­le nicht erfor­der­lich sei­en oder mit weni­ger ein­schnei­den­den Mit­teln gleich­falls erreicht wer­den könn­ten (E. 4.3). Mit dem Los­ent­scheid wer­de nach den gel­ten­den Sta­tu­ten für den Fall einer Patt­si­tua­ti­on bei Wah­len die Hand­lungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft sicher­ge­stellt. Der umstrit­te­ne Ersatz durch den Stich­ent­scheid des Ver­wal­tungs­rats­prä­si­den­ten betref­fe kei­ne ande­re Situa­ti­on und ver­mö­ge im Ergeb­nis die Hand­lungs­fä­hig­keit der Gesell­schaft nicht bes­ser zu gewähr­lei­sten als der Los­ent­scheid. Es sei denn auch nicht nach­voll­zieh­bar, wes­halb all­ge­mein der Stich­ent­scheid eine bes­se­re Lösung für die A. AG sei. Das Bun­des­ge­richt über­zeug­te sodann das Argu­ment von E.B., wonach die Aktio­nä­re mit Stim­men­mehr­heit bei mög­li­chen Los­ent­schei­den weni­ger gut als bei Stich­ent­schei­den ohne Rück­sicht auf ihre Mei­nung ent­schei­den könn­ten und eher nach ein­ver­nehm­li­chen Lösun­gen suchen müss­ten. Im Übri­gen ver­wies das Bun­des­ge­richt auf die Fest­stel­lung der Vor­in­stanz, wonach die A.AG kei­ne all­ge­mei­nen Grün­de für die Neu­re­ge­lung habe anfüh­ren kön­nen, son­dern die Sta­tu­ten­än­de­rung vor­ge­nom­men habe, um die von den Aktio­nä­ren mit Stimm­rechts­ak­ti­en gewünsch­te Wahl vor­neh­men zu kön­nen (E. 4.4).

 

 

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).