Im zur amt­li­chen Publi­ka­ti­on vor­ge­se­he­nen Ent­scheid vom 5. April 2017 beur­teil­te das BGer eine Strei­tig­keit zwi­schen der Kraft­wer­ke Ober­has­li AG (KWO) und ver­schie­de­nen Umwelt­ver­bän­den im Zusam­men­hang mit der Ver­grö­sse­rung des Grimsel­sees und der Sanie­rung sowie Erhö­hung der Grimsel­s­tau­mau­er. Die Land­schaft im Bereich des Grimsel­s­tau­sees ist im Inven­tar der Moor­land­schaf­ten von beson­de­rer Schön­heit und von natio­na­ler Bedeu­tung inven­ta­ri­siert. Die süd­li­che Gren­ze des Peri­me­ters wur­de 27 m über dem heu­ti­gen See­spie­gel des Grimsel­sees gezo­gen. Im Jahr 2010 reich­te die KWO ein Gesuch um Anpas­sung und Ergän­zung der Gesamt­kon­zes­si­on ein (Aus­bau­vor­ha­ben “KWO Plus”). Sie beab­sich­tigt, den Stau­spie­gel des Grimsel­sees um 23 m anzu­he­ben und des­sen Spei­cher­vo­lu­men um 75 Mio. m3 zu ver­grö­ssern. Das Gesuch wur­de vom Gro­ssen Rat des Kan­tons Bern gut­ge­hei­ssen. Nach­dem ver­schie­de­ne Umwelt­ver­bän­de an das Ber­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt gelang­ten, wel­ches die Beschwer­de gut­hiess, rief die KWO das BGer an. Die­ses stützt das Begeh­ren der Kraft­werk­be­trei­be­rin.

Das BGer hält vor­ab fest, dass der Bun­des­rat, als er die Moor­land­schaft im Jahr 2004 inven­ta­ri­sier­te, den Peri­me­ter so fest­ge­legt habe, dass das Aus­bau­vor­ha­ben “KWO Plus” in Zukunft rea­li­siert wer­den kön­ne. Das Ber­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt hielt das Vor­ge­hen des Bun­des­rats indes­sen für ver­fas­sungs­wid­rig: bei der Grenz­zie­hung hät­ten die Erwei­te­rungs­in­ter­es­sen der KWO nicht berück­sich­tigt wer­den dür­fen und der geschütz­te Peri­me­ter hät­te grö­sser aus­fal­len müs­sen.

Art. 23b Abs. 3 NHG (Bun­des­ge­setz über den Natur- und Hei­mat­schutz; SR 451) hält fest, dass der Bun­des­rat unter Berück­sich­ti­gung der bestehen­den Besied­lung und Nut­zung die schüt­zens­wer­ten Moor­land­schaf­ten von beson­de­rer Schön­heit und von natio­na­ler Bedeu­tung bezeich­ne und ihre Lage bestim­me. Dabei sei es — so das BGer — unter Berück­sich­ti­gung der par­la­men­ta­ri­schen Wil­lens­äu­sse­run­gen zuläs­sig, dass der Bun­des­rat von einem wei­ten Begriffs­ver­ständ­nis der “bestehen­den Nut­zung” aus­ge­gan­gen sei. Er habe des­halb bei der defi­ni­ti­ven Abgren­zung der Peri­me­ter kon­kre­te Vor­ha­ben zur Ände­rung oder Erwei­te­rung der bestehen­den Nut­zun­gen berück­sich­ti­gen dür­fen (so auch das Aus­bau­vor­ha­ben “KWO Plus”).

Das BGer prüft sodann, ob der Bun­des­rat sei­nen Ermes­sens- und Beur­tei­lungs­spiel­raum bei der Fest­le­gung des Peri­me­ters über­schrit­ten hat und kommt unter mass­geb­li­cher Berück­sich­ti­gung eines Berichts der Emch+Berger AG vom 27. März 2003 zu fol­gen­dem Schluss:

Zusam­men­fas­send wer­den durch die Fest­le­gung der Süd­gren­ze der Moor­land­schaft um 27 m über dem 1996 fest­ge­setz­ten Pro­vi­so­ri­um kei­ne für die Moor­land­schaft ‘Grimsel’ wesent­li­chen und cha­rak­te­ri­sti­schen Wer­te vom Schutz aus­ge­klam­mert; viel­mehr erscheint die Peri­me­ter­re­duk­ti­on ins­ge­samt gering­fü­gig. Ange­sichts des beson­ders nied­ri­gen Moor­an­teils kann von einem Rand­strei­fen gespro­chen wer­den. Die Schutz­zie­le wer­den auch mit dem defi­ni­ti­ven Peri­me­ter im Wesent­li­chen erreicht. (E. 8.2.)

Abschlie­ssend erläu­tert das BGer, dass die Spei­cher­ka­pa­zi­tät des Stau­sees durch den Aus­bau des Kraft­werks bei einem mini­ma­len Land­be­darf um 75 Mio. m3 auf neu 170 Mio. m3 ver­grö­ssert wer­den kön­ne. Dies ent­spre­che 20 % des gesamt­schwei­ze­ri­schen Aus­bau­po­ten­zi­als. Das öffent­li­che und pri­va­te Inter­es­se an einem Aus­bau sei erheb­lich.

Fabian Klaber

Posted by Fabian Klaber

Dr. Fabian Klaber, LL.M, hat an der Universität Basel und an der Columbia Law School (LL.M.) studiert, war danach als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Basel tätig und absolvierte Praktika bei Froriep und beim Bezirksgericht Horgen. Er arbeitet im Advokaturbureau Kleb | Harburger.