Dem Bun­des­ge­richt bot sich in die­sem Urteil die Gele­gen­heit, sei­ne Recht­spre­chung betref­fend unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge für juri­sti­sche Per­so­nen in Erin­ne­rung zu rufen und zu prä­zi­sie­ren.

Gegen­stand des Urteils bil­de­te fol­gen­der Sach­ver­halt: Die A. GmbH wur­de per 1. Dezem­ber 2014 und in Anwen­dung von Art. 153b HRegV von Amtes wegen als auf­ge­löst erklärt, nach­dem sie die ihr ange­setz­te Frist zur Ein­tra­gung eines neu­en Domi­zils unge­nutzt ver­strei­chen liess. Kurz zuvor hat­te die Gesell­schaft eine Kla­ge gegen den Ver­mie­ter ihres Geschäfts­lo­kals ein­ge­reicht und unter ande­rem bean­tragt, es sei ihr die unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge sowohl für die Gerichts- als auch für die Anwalts­ko­sten zu gewäh­ren. Die­ses Gesuch wur­de erst­in­stanz­lich gut­ge­hei­ssen. Auf Beschwer­de des Beklag­ten hin wies das Ober­ge­richt mit Ent­scheid vom 5. Febru­ar 2016 das Gesuch der Gesell­schaft um unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge ab. In der Fol­ge wies das erst­in­stanz­li­che Gericht die Kla­ge ab. Die Gesell­schaft erhob Beru­fung und stell­te erneut ein Gesuch um unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge. Das Ober­ge­richt lehn­te mit Ver­fü­gung vom 23. Janu­ar 2017, unter Ver­weis auf sei­nen Ent­scheid vom 5. Febru­ar 2016, auch die­ses Gesuch ab und ver­pflich­te­te die Gesell­schaft zur Lei­stung eines Kosten­vor­schus­ses. Gegen die­se Ver­fü­gung erhob die Gesell­schaft Beschwer­de in Zivil­sa­chen an das Bun­des­ge­richt.

Das Bun­des­ge­richt erwog zunächst , dass der Ver­weis des Ober­ge­richts auf einen frü­he­ren Ent­scheid kei­ne Ver­let­zung der Begrün­dungs­pflicht und damit kei­ne Ver­let­zung des Anspruchs der Beschwer­de­füh­re­rin dar­stel­le (E. 2). Zwar hand­le es sich beim Ent­scheid des Ober­ge­richts vom 5. Febru­ar 2016 um einen Zwi­schen­ent­scheid, die­ser bil­de­te jedoch Teil der Streit­sa­che, in wel­che die Gesell­schaft sel­ber invol­viert war. Unter die­sen Umstän­den genü­ge es, wenn die aus­führ­li­che Begrün­dung die­sem Zwi­schen­ent­scheid ent­nom­men wer­den kön­ne, der der Gesell­schaft nicht nur bekannt sein müs­se, son­dern der auch Akten­be­stand­teil bil­de (E. 2.2).

Hin­sicht­lich des Anspruchs auf unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge rief das Bun­des­ge­richt zunächst in Erin­ne­rung, dass juri­sti­sche Per­so­nen grund­sätz­lich weder die unent­gelt­li­che Pro­zess­füh­rung noch eine Ver­bei­stän­dung bean­spru­chen könn­ten. Sie sei­en weder arm noch bedürf­tig, son­dern bloss zah­lungs­un­fä­hig oder über­schul­det. Ein bun­des­recht­li­cher Anspruch auf unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge kön­ne aus­nahms­wei­se dann bestehen, wenn das ein­zi­ges Akti­vum der juri­sti­schen Per­son im Streit lie­ge und neben ihr auch die wirt­schaft­lich Betei­lig­ten mit­tel­los sei­en (E. 3.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 131 II 306). Ob — wie zum Teil in der Leh­re gefor­dert — zusätz­lich vor­aus­zu­set­zen sei, dass ein öffent­li­ches oder all­ge­mei­nes Inter­es­se an der Gewäh­rung der unent­gelt­li­chen Rechts­pfle­ge zur Wei­ter­exi­stenz der juri­sti­schen Per­son aus­ge­wie­sen sei, liess das Bun­des­ge­richt offen. Denn, so das Bun­des­ge­richt wei­ter, die unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge sei juri­sti­schen Per­so­nen jeden­falls dann zu ver­wei­gern, wenn das Ver­fah­ren, für das sie bean­sprucht wer­de, deren Wei­ter­exi­stenz nicht siche­re (E. 3.3).

Die­se Vor­aus­set­zung war für das Bun­des­ge­richt aus­schlag­ge­bend, um die Abwei­sung des Gesuchs um unent­gelt­li­che Rechts­pfle­ge zu schüt­zen. Die Gesell­schaft sei von Amtes wegen auf­grund feh­len­dem Domi­zil auf­ge­löst wor­den. Die­se Ver­fü­gung des Han­dels­re­gi­ster­amts sei nach Ablauf der Frist gemäss Art. 153b Abs. 3 HRegV unwi­der­ruf­lich. Für Orga­ni­sa­ti­ons­män­gel gemäss Art. 731b OR sehe das Gesetz zwin­gend die Auf­lö­sung durch Kon­kurs vor (sofern der Man­gel nicht beho­ben wer­den kön­ne). Auf die kon­kurs­amt­li­che Liqui­da­ti­on kön­ne — unter Ver­weis auf BGE 141 III 43 — auch dann nicht zurück­ge­kom­men wer­den, wenn sich ein Akti­ven­über­schuss erge­be bzw. die Gesell­schaft nicht über­schul­det sei. Für den Fall des Domi­zil­ver­lusts kön­ne nichts ande­res gel­ten, da für die­sen Fall die HRegV aus­drück­lich die stren­ge Fol­ge der Auf­lö­sung anord­ne. Selbst wenn somit die Gesell­schaft im For­de­rungs­streit ganz oder teil­wei­se obsie­gen wür­de, sei die Wie­der­auf­nah­me ihrer dem ursprüng­li­chen Zweck ent­spre­chen­den Tätig­keit aus­ge­schlos­sen (E. 3.6).

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).