Gegen­stand die­ses Urteils bil­de­te ein Aktio­när­bin­dungs­ver­trag von Janu­ar 1985. Die­ser beinhal­te­te unter ande­rem Bestim­mun­gen über ein Vor­kaufs­recht sowie die Ansprü­che auf Ein­sitz­nah­me in den Ver­wal­tungs­rat und auf Aus­schüt­tun­gen der Akti­en­ge­sell­schaft an die Aktio­nä­re. Der Ver­trag war “unkünd­bar und auf unbe­stimm­te Dau­er” abge­schlos­sen wor­den. Für den Fall der Ver­let­zung des ABV wur­de eine Kon­ven­tio­nal­stra­fe pro Wie­der­hand­lungs­fall sta­tu­iert. Im Jahr 1998 ver­such­ten die Aktio­nä­re erfolg­los, den ABV anzu­pas­sen, wor­auf­hin der Aktio­när A (der Beklag­te) den Ver­trag im April 1999 kün­dig­te. Der Aktio­när B (der Klä­ger) wider­setz­te sich der Kün­di­gung und hielt wei­ter­hin am ABV fest. Gestützt auf den ABV bean­trag­te er an den Gene­ral­ver­samm­lun­gen der kom­men­den Jah­re (letzt­mals im Juni 2014) jeweils sei­ne Wahl in den Ver­wal­tungs­rat, wur­de jedoch nie gewählt. Mit Kla­ge vom Mai 2013 for­der­te der Klä­ger u.a. vom Beklag­ten die Bezah­lung von Kon­ven­tio­nal­stra­fen für drei in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de Wider­hand­lun­gen. Sodann sei der Beklag­te zu ver­pflich­ten, den Klä­ger in den Ver­wal­tungs­rat zu wäh­len (Kla­ge auf Realerfül­lung des ABV). Das erst­in­stanz­li­che Kan­tons­ge­richt schütz­te die Kla­ge weit­ge­hend. Nach­dem das Ober­ge­richt des­sen Beru­fung abge­wie­sen hat­te, erhob der Beklag­te Beschwer­de vor Bun­des­ge­richt, wo er eine Ver­let­zung von Art. 27 Abs. 2 ZGB i.V.m. Art. 19 Abs. 2 und Art. 20 OR rüg­te.

Das Bun­des­ge­richt ver­wies zunächst auf einen frü­he­ren Ent­scheid (BGE 129 III 209), auf den bereits die Vor­in­stan­zen Bezug genom­men hat­ten, und sah trotz der teil­wei­sen Kri­tik in der Leh­re kei­nen Anlass, auf die­sen Ent­scheid zurück­zu­kom­men. Es wies dar­auf hin, dass es sich bei der Beru­fung auf Art. 27 Abs. 2 ZGB nicht um einen Anwen­dungs­fall der Kün­di­gung eines Dau­er­schuld­ver­hält­nis­ses aus wich­ti­gem Grund hand­le. Der Unter­schied bestehe grund­sätz­lich dar­in, dass sich der wich­ti­ge Grund für die Kün­di­gung eines Dau­er­schuld­ver­hält­nis­ses regel­mä­ssig aus einer Ver­än­de­rung der objek­ti­ven Ver­trags­grund­la­gen oder einer Ver­än­de­rung in den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen einer Ver­trags­par­tei erge­be, wäh­rend sich die über­mä­ssi­ge Bin­dung i.S.v. Art. 27 Abs. 2 ZGB vor allem aus der Ver­trags­ge­stal­tung sel­ber in Kom­bi­na­ti­on mit der Bin­dungs­dau­er erge­be (Stich­wort “Kne­be­lungs­ver­trag”) (E. 4.2). Eine gegen Art. 27 Abs. 2 ZGB ver­sto­ssen­de über­wie­gen­de Bin­dung sei sodann nicht von Amtes wegen fest­zu­stel­len, ausser es betref­fe den höchst­per­sön­li­chen Kern­be­reich einer Per­son. Viel­mehr besit­ze der Schüt­zen­de eine “Ein­re­de” (im untech­ni­schen Sinn) gegen den Erfül­lungs­an­spruch des Kon­tra­hen­ten und kön­ne die Ver­trags­er­fül­lung ver­wei­gern; eine Kün­di­gung sei nicht not­wen­dig (E. 4.2). Dabei kom­me es — anders als bei der Beru­fung auf Nich­tig­keit — nicht auf die Ver­hält­nis­se im Zeit­punkt des Ver­trags­ab­schlus­ses, son­dern auf jene im Zeit­punkt der Gel­tend­ma­chung der über­mä­ssi­gen Bin­dung an (E. 5).

Das Bun­des­ge­richt erin­ner­te anschlie­ssend dar­an, dass nach der Recht­spre­chung Ver­trä­ge nicht auf ewi­ge Zeit abge­schlos­sen wer­den kön­nen. Sehe ein Dau­er­ver­trag kei­ne Kün­di­gungs­mög­lich­keit vor, sei nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zu ent­schei­den, wann der Zeit­punkt gekom­men sei, in dem das Ver­trags­ver­hält­nis auf­ge­löst wer­den kön­ne. Bei der Frei­heit in der wirt­schaft­li­chen Betä­ti­gung neh­me das Bun­des­ge­richt nur zurück­hal­tend einen Ver­stoss gegen Art. 27 Abs. 2 ZGB an. Eine ver­trag­li­che Beschrän­kung sei nur über­mä­ssig, wenn sie den Ver­pflich­te­ten der Will­kür eines ande­ren aus­lie­fe­re, sei­ne wirt­schaft­li­che Frei­heit auf­he­be oder in einem Mas­se ein­schrän­ke, dass die Grund­la­gen sei­ner wirt­schaft­li­chen Exi­stenz gefähr­det sei­en (E. 5.4 mit Hin­wei­sen). Auch eine lan­ge Bin­dung an einen ABV sei zuläs­sig, wenn sie mit der Aktio­närs­ei­gen­schaft gekop­pelt sei und die­se zu fai­ren, nicht erheb­lich erschwer­ten Bedin­gun­gen auf­ge­ge­ben wer­den kön­ne. Eine über­mä­ssi­ge Bin­dung kön­ne jedoch nament­lich vor­lie­gen, wenn die­se im Rah­men einer Nach­fol­ge­re­ge­lung die gesam­te wirt­schaft­li­che Betä­ti­gungs­frei­heit einer Ver­trags­par­tei betref­fe und damit zugleich auch in deren per­sön­li­ches Betä­ti­gungs­feld ein­grei­fe (E. 5.6.2). Die Beur­tei­lung der Über­mä­ssig­keit hän­ge vom gesam­ten Ver­trag ab, sofern bei einem umfas­sen­den Ver­trag wie dem ABV nur ein­zel­ne Ansprü­che dar­auf ein­ge­klagt wür­den, der Berech­ti­ge aber auf der Gül­tig­keit des gan­zen Ver­trags behar­re (E. 5.5).

Im kon­kre­ten Fall erach­te­te das Bun­des­ge­richt den ABV als über­mä­ssig bin­dend i.S.v. Art. 27 Abs. 2 ZGB. Es kam zum Schluss, dass die Aus­ge­stal­tung des bei Erlass des erst­in­stanz­li­chen Urteils seit rund 30 Jah­ren bestehen­den ABV eine erheb­lich ein­schnei­den­de Ein­schrän­kung in der per­sön­li­chen Gestal­tungs­frei­heit des Beklag­ten bei der Nach­fol­ge­re­ge­lung her­bei­ge­führt habe. Der ABV schrän­ke, eine Gene­ra­ti­on nach des­sen Abschluss, die Frei­hei­ten des Beklag­ten über­mä­ssig ein. Dem sei Rech­nung zu tra­gen, indem der Ver­trag zeit­lich begrenzt wir­ke und mit Wir­kung ex nunc dahin­fal­le. Dem­zu­fol­ge kön­ne der Beklag­te nicht ver­pflich­tet wer­den, den Klä­ger an der näch­sten Gene­ral­ver­samm­lung in den Ver­wal­tungs­rat zu wäh­len (E. 5.6.2).

Die Beru­fung wur­de des­halb teil­wei­se gut­ge­hei­ssen.

 

 

Martin Rauber

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RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).