Dem Bun­des­ge­richt bot sich in die­sem Urteil die Gele­gen­heit, kon­tro­vers dis­ku­tier­te Fra­gen im Zusam­men­hang mit der Ver­jäh­rung der Her­aus­ga­be­an­sprü­che des Auf­trag­ge­bers von Retro­zes­sio­nen zu klä­ren.

Hin­ter­grund des Urteils war der Auf­trag einer Trans­port­or­ga­ni­sa­ti­on (Klä­ge­rin) an eine Bera­tungs­ge­sell­schaft für Ver­si­che­run­gen, für jene ein Ver­si­che­rungs­kon­zept aus­zu­ar­bei­ten. Gestützt auf die­se Bera­tung schloss die Klä­ge­rin mit ver­schie­de­nen Ver­si­che­run­gen Ver­trä­ge ab. Die­se Vor­gän­ge fan­den in den Jah­ren 1994 und 1995 statt. 2005 erfuhr die Klä­ge­rin, dass die von ihr beauf­trag­te Bera­tungs­ge­sell­schaft bzw. deren Rechts­nach­fol­ge­rin (Beklag­te) Antei­le der von der Klä­ge­rin bezahl­ten Ver­si­che­rungs­prä­mi­en als Retro­zes­sio­nen erhal­ten hat­te. Nach­dem die Klä­ge­rin 2006 und 2007 gegen die Beklag­te meh­re­re Betrei­bun­gen ein­ge­lei­tet hat­te, for­der­te sie in einer 2007 ein­ge­reich­ten Kla­ge die Her­aus­ga­be der Retro­zes­sio­nen. Der Streit­wert betrug über CHF 46 Mio. und über USD 3 Mio. Das erst­in­stanz­li­che Tri­bu­nal de pre­miè­re instan­ce de Genè­ve hiess die Kla­ge teil­wei­se gut. Das Cham­bre civi­le de la Cour de justi­ce wies die gegen das Urteil erho­be­ne Beru­fung ab. Es erwog hin­sicht­lich der Ver­jäh­rung, dass die Ansprü­che auf Her­aus­ga­be von Retro­zes­sio­nen nach 10 Jah­ren ab Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­jäh­ren. Die Beklag­te erhob Beru­fung und rüg­te die Ver­let­zung von Bun­des­recht. Ihrer Ansicht nach wür­den die Her­aus­ga­be­an­sprü­che peri­odi­sche Lei­stun­gen dar­stel­len und des­halb nach 5 Jah­ren ver­jäh­ren. Dar­über hin­aus begin­ne die Ver­jäh­rung nach jedem Erhalt von Retro­zes­sio­nen an zu lau­fen.

Das Bun­des­ge­richt rief zunächst sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung zu Retro­zes­sio­nen und ins­be­son­de­re die Ablie­fe­rungs­pflicht auch indi­rek­ter Vor­tei­le wie bei­spiels­wei­se Retro­zes­sio­nen, die dem Beauf­tra­gen infol­ge der Auf­trags­aus­füh­rung von Drit­ten zuge­kom­men sind, in Erin­ne­rung. Der Beauf­trag­te habe alle Ver­mö­gens­wer­te her­aus­zu­ge­ben, die in einem inne­ren Zusam­men­hang zur Auf­trags­aus­füh­rung ste­hen wür­den. Behal­ten dür­fe er nur, was er ledig­lich bei Gele­gen­heit der Auf­trags­aus­füh­rung, ohne inne­ren Zusam­men­hang mit dem ihm erteil­ten Auf­trag, von Drit­ten erhal­te (E. 5.1.1 und 5.1.2, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 138 III 755). Die Beklag­te aner­kann­te denn auch grund­sätz­lich ihre Her­aus­ga­be­pflicht (E. 5.1.3).

Hin­sicht­lich der auf die Her­aus­ga­be­an­sprü­che von Retro­zes­sio­nen anwend­ba­ren Ver­jäh­rungs­frist folg­te das Bun­des­ge­richt der Vor­in­stanz, wonach die­se nach 10 Jah­ren ver­jäh­ren. Es ver­wies auf sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung, wonach für die Anwen­dung der 5-jäh­ri­gen Ver­jäh­rungs­frist vor­aus­ge­setzt sei, dass die peri­odi­schen Lei­stun­gen i.S.v. Art. 128 Ziff. 1 OR auf dem­sel­ben Schuld­grund bzw. auf einem ein­heit­li­chen Schuld­grund beru­hen oder geschul­det sei­en. Dabei hand­le es sich um eine Dau­er­schuld, aus der die peri­odi­schen Lei­stungs­pflich­ten durch Zeit­ab­lauf immer wie­der neu und selb­stän­dig her­vor­ge­hen wür­den (E. 5.2.1, unter ande­rem mit Ver­weis auf BGE 139 III 263, E. 1.1; BGer 4C.207/2006, E. 2.2.1). Im Gegen­satz dazu wür­den Retro­zes­sio­nen nicht aus einem Dau­er­schuld­ver­hält­nis ent­ste­hen, son­dern aus der Tat­sa­che, dass der Beauf­tra­ge ver­mö­gens­mä­ssi­ge oder ande­re Vor­tei­le von Drit­ten erlangt habe. Jede Her­aus­ga­be­pflicht von Retro­zes­sio­nen beru­he damit auf einer sepa­ra­ten Grund­la­ge, wes­halb Art. 128 Ziff. 1 OR nicht anwend­bar sei, sich die Ver­jäh­rung des­halb nach Art. 127 OR rich­te und die Her­aus­ga­be­an­sprü­che nach 10 Jah­ren ver­jäh­ren wür­den (E. 5.2.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf Gauch, AJP 3/2014, S. 291).

Was den Beginn der Ver­jäh­rungs­frist angeht, erach­te­te das Bun­des­ge­richt die Rüge der Beklag­ten für begrün­det. Es ver­wies auf Art. 400 Abs. 1 OR, wonach der Beauf­trag­te ver­pflich­tet sei, auf Ver­lan­gen jeder­zeit über sei­ne Geschäfts­füh­rung Rechen­schaft abzu­le­gen, und alles, was ihm infol­ge der­sel­ben aus irgend­ei­nem Grund zuge­kom­men sei, dem Auf­trag­ge­ber zu erstat­ten. Die­se Rechen­schafts­pflicht bil­de Vor­aus­set­zung und Grund­la­ge der Ablie­fe­rungs- oder Her­aus­ga­be­pflicht (E. 5.3.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 139 III 49, E. 4.1.2). Dar­aus kön­ne, ent­ge­gen der Vor­in­stanz, nicht abge­lei­tet wer­den, dass die Ent­ste­hung des Her­aus­ga­be­an­spruchs auf den Zeit­punkt der Rechen­schaft oder auf das Ende des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­scho­ben wer­de. Anders als bei der Ver­jäh­rung von Ansprü­chen aus uner­laub­ter Hand­lung oder unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung (Art. 60 Abs. 1 und Art. 67 Abs. 1 OR) tre­te die Fäl­lig­keit unab­hän­gig davon ein, ob der Gläu­bi­ger von der For­de­rung und der Fäl­lig­keit Kennt­nis habe oder haben kön­ne (E. 5.3.1, ins­be­son­de­re mit Ver­weis auf BGE 136 V 73, E. 4.1). Die von der Beklag­ten erhal­te­nen Retro­zes­sio­nen wür­den somit jeweils im Umfang jedes ein­zel­nen Betrags sogleich eine Infor­ma­ti­ons- und Her­aus­ga­be­pflicht gegen­über der Klä­ge­rin ent­ste­hen las­sen. Es kön­ne ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht ver­tre­ten wer­den, dass die Ent­ste­hung und Fäl­lig­keit die­ser Her­aus­ga­be­an­sprü­che auf das Ende des Auf­trags­ver­hält­nis­ses ver­scho­ben wür­den, denn dies wür­de bedeu­ten, dass der Auf­trag­ge­ber die beim Auf­trag­neh­mer ein­ge­gan­ge­nen Retro­zes­sio­nen wäh­rend dem lau­fen­den Auf­trags­ver­hält­nis nicht her­aus­ver­lan­gen könn­te (E. 5.3.2).

Das Bun­des­ge­richt hob des­halb das Urteil der Vor­in­stanz auf und wies die Sache zur Neu­be­ur­tei­lung im Sin­ne der Erwä­gun­gen zurück.

Martin Rauber

Posted by Martin Rauber

RA Dr. Martin Rauber, LL.M, arbeitet als Rechtsanwalt bei Nater Dallafior Rechtsanwälte AG. Zuvor wirkte er als juristischer Sekretär am Bezirksgericht Horgen, wo er heute als nebenamtlicher Ersatzrichter im Einsatz steht. Er studierte an der Universität Freiburg i.Ue., der Université Libre de Bruxelles sowie an der University of Edinburgh (LL.M. Commercial Law).